Denkt doch auch dort kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe läge! — Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. —
— — Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller Zufriedenheit bewährte. —
Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ricevimenti des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten worden, zu wählen, und hatte, — den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf dem Spiele sehend, — drei Professoren der Academia delle belle arti ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. — An zwanzig Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. —
Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle Anerkennung zolle. — Es waren einige free-traders anwesend, für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in zwei ungleiche Lager getheilt — da die Majorität auf Arnold’s Seite — mit Spannung und Vergnügen zuhörte. — Der junge Korbach, der zum ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er den entschiedensten Sieg errang.
Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester Zeit aufhören ein guter Markt für Sie zu sein, und wenn uns — was eben nicht der Fall — alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der — — verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische Gleichniß — seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard öffnet!“ —
Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu können erklärte. — Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, ja nöthig.
Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht“, für sich arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde wohnte, und der Villa gepflogen worden.
Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, — ihre Ankunft und den Entschluß, zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.
Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden: