(Eduard reicht ihr einen Sessel.)

Hoffnung. So! Nun stellen Sie sich in die erste Position vor mich und hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe.

Eduard. Ich hin ganz Ohr.

Hoffnung (hustet). Monsieur! Ich habe Ihnen ein sehr artiges Kompliment von meiner Schwester auszurichten. Was glauben Sie wohl, wer sie sei? (Eduard zuckt die Achseln.) Das Glück.

Eduard. Das Glück? Welch einen schönen Namen lassen Sie in meinen
Ohren ertönen!

Hoffnung. Das könnte mich eifersüchtig machen. (Mit einem Seufzer.) Doch ich bin es gewohnt, von ihr verdrängt zu werden. Sie hat versprochen, Sie in Protektion zu nehmen. Ich könnte Ihnen zwar sagen, daß sie eine leichtfertige Person ist, die sich sehr stark schminkt und nur von ferne schön ist; doch, Sie werden mir nicht zumuten, daß ich imstande wäre, meine Schwester zu verkleinern.— Jetzt zu meinem Auftrag! Meine Schwester läßt Ihnen sagen, Sie möchten sans façon in jener Ecke des Zimmers den Boden öffnen, einen goldenen Schlüssel herausnehmen und damit diese Wand aufschließen; das übrige wird Ihnen wie gebratene Tauben von selbst in den Mund fliegen. Ich aber habe die Ehre, mich als Ihre ergebene Dienerin zu empfehlen.

Eduard. Wie? Sie könnten mich verlassen?—

Hoffnung. Ihr Glück beginnt—meine Rolle ist ausgespielt. Hüten Sie sich, daß Sie mich nicht bald wieder rufen; oder glauben Sie, ich habe nichts zu tun, als mit Ihnen die Zeit zu verschwätzen? In diesem Augenblicke bin ich zu Millionen bestellt, die nach mir schmachten. Advokaten, die ihre Prozesse gewinnen wollen; arme Gefangene, die auf Erlösung hoffen; Sterbende sogar, die mich in der letzten Minute noch zu sprechen wünschen; des Heeres der Verliebten gar nicht zu gedenken, welches mich durch namenlose Anforderungen fast zu Tode martert. Darum adieu! Nun küssen Sie mir die Hand, Sie liebenswürdiger, junger Mann! Adieu, Sie Loser! Vergessen Sie nicht wieder ein Frauenzimmer, welches die Plage auf sich hat, Sie durch Ihr ganzes Leben begleiten zu müssen. (Macht ihm einen Knix und geht durch die Türe ab.)

Einundzwanzigste Szene.

Eduard (allein). Sonderbare Erscheinung! Soll ich ihr Glauben schenken? Sie ist ein Frauenzimmer ! Nun, wär' ich der einzige Mensch in dieser Welt, der sein Glück einem Frauenzimmer zu verdanken hätte? Laß sehen, schöne Hoffnung, wir wollen dich auf die Probe setzen, ob deine launigen Versprechungen weniger täuschen, als die heroischen Liebesschwüre unserer heutigen Mädchen. Dort ist der Fleck. (öffnet ein kleines Türchen im Boden.) Wahrhaftig! Bald hätt' ich meinem smaragdenen Engel unrecht getan. Hier ist der Schlüssel. Vivat, Eduard! Schnell ans Werk! (Öffnet die Wand, welche in die Höhe schwebt und einen Rahmen zurückläßt, durch welchen man in eine dunkelblaue, mit Gold verzierte runde Halle sieht, in der auf jeder Seite drei weiße mythologische Figuren unbeweglich stehen. Auf den sechs Piedestalen stehen die Worte: Dukaten, Louisdor, Taler, Sovereigndor, Perlen, Granaten. Mitten aber steht ein leeres rosenrotes Piedestal, welches den halben Kreis schließt, worauf kein Wort steht, aber eine Pergamentrolle liegt.—Die ganze Gruppe ist hell beleuchtet.) Bin ich in einem Feenpalaste? Sind diese Schätze mein? Ist es ein Traum? (Öffnet eine von den Türchen der Piedestale, man sieht Gold aufgehäuft.) O nein! Goldene Wirklichkeit! Was bedeutet diese Pergamentrolle? (entfaltet sie und liest.) "Teurer Sohn! Die Schätze, welche Du in diesem geheimnisvollen Gewölbe entdecktest, waren mein Eigentum, sind nun das deinige. Die sechs Statuen sind von hohem Werte; ich habe sie in einer huldvollen Stunde durch die Gnade des Geisterkönigs zum Geschenk erhalten. Mache einen weisen Gebrauch davon. Doch, sollte bei dem glücklichen Überfluß an Wünschen, zu denen Dich Deine Jugend befeuert, auch der in Deiner Brust aufsteigen, daß Du die siebente Statue besitzen möchtest, welche von rosenroten Diamanten und der größte Schatz ist, den Du auf Erden besitzen kannst, so wende Dich bittend an den Zauberkönig. Du wirst in meinen magischen Werken, die ich Dir hinterließ, die genaueste Anleitung finden, auf welchem Wege Du zu den Stufen seines Thrones gelangen kannst." (Legt die Schrift wieder hin.) Welch eine Reihe von Wundern drängt sich an meinen erstaunten Sinnen vorüber! (Tritt heraus, die Wand schließ sich.) Ist es Wahrheit? Diese plötzliche Veränderung meiner Glücksumstände! Ich war ein Bettler, jetzt bin ich ein Krösus!—Doch, was ist das für eine siebente Statue von rosenrotem Diamant? Welch ein dunkles Verlangen beherrscht mich, auch sie zu besitzen! Ach, warum kann ich nicht in dieser Minute zu des Geisterkönigs Füßen sinken! Gäb' es denn keinen wohltätigen Genius, der mich augenblicklich in seine Nähe bringen könnte? (Die Figur des kleinen Zauberers auf dem Tische verwandelt sich in den kleinen Genius Kolibri.)