Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen
Götter sind aus Agrigent gewichen.

Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses
Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes
Volk betrübt.

Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst, seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.

Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die herrliche Aspasia?

Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten; doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.

Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen.

Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich, die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze Forst sein sonst so drohend Haupt.

Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen.

Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist, verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen Füßen nieder.

Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch.