Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen, ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf, und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen. Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun einen Wunsch, so sprich ihn aus!
Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen, auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch.
Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus meinem Zaubersee getrunken.
Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken?
Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein
Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen
Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß
sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)
Achte Szene.
Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen
Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht
erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen
Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann.
(Er klopft an die Tür des ersten Hauses.)
Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet.
Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf.
Atritia. Dein Staunen ist umsonst.