Neunzehnte Szene.
(Indische Gegend.)

Seitwärts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin. Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt sich in einen hohen Fels.

Genius (auf dem Fels).
Unter jenem Palmenzelt
Ruhet Indiens edler Held;
Traumgott, du magst niedersteigen
Und Alzindens Los ihm zeigen.

Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in Hoanghus Zelt, beugt sich über sein Haupt, und indem er seine Stirne mit der einen Hand berührt, zeigt er mit der anderen auf die Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorüber ist. Die Wolkendecke löst sich, man sieht in einer hellbeleuchteten Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besäten Hügel Alzinden mit einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten. Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Plötzlich verwandelt sich der Hügel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre dürren Arme nach Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurückschaudert. Moisasur grinst mit hohnlächelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag.

Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?—Laß los! (Reißt erzürnt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.) Träume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Götter, sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehört? oder ob die gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an die Überzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr Krieger, reißt die Zelte nieder, kündigt den Gehorsam auf dem Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger und Häuptlinge erscheinen auf der Bühne.)

Zwanzigste Szene.
Voriger. Häuptlinge. Krieger.

Ein Häuptling. Was befiehlst du, großer König?

Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir, denn ein Traum hat mir verkündet, meiner Gattin droht Gefahr. Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit. Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stücke, metzelt Stunden zu Minuten, daß in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt' die Erd' mit blut'gem Tau—seine Tränen flossen um mein Weib. Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschämt, wer am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des Reiches schönstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen überschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles ab.)

Einundzwanzigste Szene.
Genius der Tugend tritt vor.

Genius.
O könnten doch alle die lieblichen Frauen
Dies seltene Beispiel von Männertreu' schauen,
So würde in aller Brust ein Wunsch nur sein;
O könnt' ich doch auch einen Hoanghu frein.
Und könnten die Männer, die nicht so gewesen,
In Hoanghus Busen den Lohn dafür lesen,
So würd' aus dem flatternden Männerverein
Die Tugend sich manches Bekehrten erfreun.
(Ab.)