(Geht ab.)
Fünfzehnte Szene.
Amtmann. Ein Diener.
Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.—Philipp, trag' Er auf. (Ab.)
Sechzehnte Szene.
Kurzer Kerker. Nacht.
Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein.
Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme ruft. (Ab.)
Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut, um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken, ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,—o mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht, denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll. O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist, jetzt bin ich dazu bereitet.
(Kurze klagende Musik.)
Siebzehnte Szene.
Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer
Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem
Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und
tröstlich.
Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier.