Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle ist in den Jahren 1890/91 in Blansko und in Raitz entstanden, die Handschrift in Raitz am 15. März 1891 abgeschlossen. Sie ist eine Reinschrift mit so starken Korrekturen, daß der Text wiederholt fast unleserlich geworden ist und daher von dem Verleger nochmals abgeschrieben wurde. Sogar das „Wienerkind“ auf dem Titelblatt steht über einem unleserlich gemachten Wort und noch während des Druckes hat der Dichter nicht bloß zahlreiche kleinere Änderungen angebracht, sondern dem Manuskript eine Anweisung für drei größere Varianten nachfolgen lassen, die auch Berücksichtigung gefunden hat. Nachdem die Redaktion der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“ die Novelle im Mai 1891 unter sehr anerkennenden Worten als unpassend für ein Familienblatt zurückgeschickt hatte, scheint der erste Druck sogleich in Buchform, in der vierten Novellensammlung „Frauenbilder“ im Herbst des Jahres 1891 (1892, Seite 83-211) zustande gekommen zu sein. Hier hat die Novelle 10 Abschnitte; denn nach dem Diner in Hietzing wird der erzählende Dichter von der Frau von Ramberg (die in der Handschrift Frau von Nathan hieß) eingeladen, zu bleiben, und es folgt ein langes Gespräch mit der Heldin, in dem sie ihm mitteilt, daß sie mit Röber nicht verheiratet sei, und daß er sie nach vielfacher Untreue mit einer Summe Geldes loswerden wolle, daß sie ihn aber dennoch grenzenlos liebe und die Gewissensbisse, die sie im Gedanken an ihren Mann und an ihre Kinder empfinde, als Sühne für ihre blinde und unterwürfige Liebe hinnehme. Der Dichter, der unserer Novelle in einem Briefe an Necker auch den Vorwurf macht, daß ihm der epische Faden halb ausgegangen sei, war mit dieser Fassung nicht für immer zufrieden und schon am 3. April 1896 erbat er sich von dem Verleger ein Exemplar zu Verbesserungen für eine etwaige zweite Auflage, die dann der zweibändigen Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 233-307) zugute kamen. Hier ist das letzte Gespräch des Dichters mit dem Wienerkind gestrichen, die Novelle hat daher nur mehr 9 Abschnitte, auch im einzelnen hat der Dichter überall nachgeholfen und aus dem Grafen X. einen Fürsten B... (Seite 270 unserer Ausgabe) gemacht. Schon am 31. Januar 1898 erbat er sich die Aushängebogen des letzten Druckes von neuem, und die zweite Ausgabe der Novellen 1904 (a. a. O.) brachte außer der Auflösung der durchsichtigen Chiffren D... in Döbling, N... in Nußdorf und Hotel V... in Hotel Viktoria einige neue stilistische Änderungen. Diese Ausgabe letzter Hand liegt auch dem Abdruck in Österreichs Illustrierter Zeitung (XV. Jahrgang, Heft 14 ff., 31. Dezember 1905, Seite 333 ff.) zugrunde, der sich aber willkürliche Kürzungen erlaubt.

I.

Im Frühling des Jahres 1870 fand in dem Wiener Vororte, wo ich damals meinen Wohnsitz genommen hatte, eine festliche Hochzeit statt. Fast der gesamten Einwohnerschaft waren zierlich gedruckte Anzeigen zugegangen, und wer nur irgend abkommen konnte, der fand sich auch am festgesetzten Tage zum feierlichen Trauungsakte in der geräumigen Pfarrkirche ein. Ich konnte gleichfalls nicht umhin, zu erscheinen, denn ich war mit dem Bräutigam persönlich bekannt, wenn auch nicht näher, als dies öftere Begegnungen an öffentlichen Orten mit sich zu bringen pflegen. Er war ein junger Mann in den ersten Dreißigern und so recht das Bild eines Wiener Bürgersohnes von älterem Schlage. Nicht allzu groß, dabei leicht zu körperlicher Überfülle neigend, hatte er ein hübsches, frisch gefärbtes Gesicht und äußerst gutmütige blaue Augen, die in beständiger Heiterkeit strahlten. Er kleidete sich nach neuestem Schnitte und hatte eine Vorliebe für bunte Halsbinden, nahm sich aber keineswegs geziert oder geckenhaft aus; vielmehr trat in seinem ganzen Wesen eine gefällige, etwas sorglose Natürlichkeit zu Tage. Sein Vater, ein wohlhabender Mann, hatte es aus kleinen Anfängen heraus zum Stadtzimmermeister gebracht und am Eingange des Ortes ein ansehnliches Familienhaus erbaut, an das sich ein großer Arbeitsplatz und weitläufige Holzlager schlossen, zu welchen Liegenschaften sich im Laufe der Zeit noch ausgedehnte Ziegeleien in der nächsten Umgebung gesellten. Als der alte Stadler starb, teilten sich zwei Söhne in den wohlgegründeten Besitz, so zwar, daß der ältere, welcher bereits verheiratet war, die Zimmermeisterei weiter betrieb, der Jüngere aber das Holzgeschäft und die Verwaltung der Ziegeleien übernahm, nebenher ein behagliches, jedoch keineswegs lockeres Junggesellenleben fortführend. Jetzt aber war er, wie sich zeigte, dessen überdrüssig geworden; im Stammhause war Raum genug für eine zweite Familie — und so hatte er eben nur die Braut zu wählen gehabt.

Die Kirche, durch deren gotische Bogenfenster das Licht eines sonnigen Maitages fiel, war überfüllt; wie natürlich, zeigte sich das weibliche Geschlecht vorwiegend vertreten und harrte mit Spannung auf das Erscheinen der Brautleute. Und als dieses jetzt endlich erfolgte und das junge Paar mit einem zahlreichen Anhange in die Kirche trat, da ging ein vernehmbares Murmeln der Bewunderung durch den stillen Raum, und aller Augen folgten der Braut, die in der Tat einen entzückenden Anblick darbot. Hohen Wuchses den Bräutigam etwas überragend, schritt sie an seinem Arm, bleich vor innerer Erregung, mit gesenktem Haupte dem Altare zu. Der wallende Schleier, der Myrtenschmuck im dunkelblonden Haar, das matte Weiß des Hochzeitskleides gaben der kräftig schlanken Gestalt etwas sanft Verklärtes, und als sie jetzt aufblickte, schimmerten ihre Augen hell wie Gold. Man war erstaunt und atmete kaum; so viele, so makellose Reize hatte man nicht zu sehen erwartet. Auch ich war überrascht — doppelt überrascht. Denn ich hatte das schöne Geschöpf, das jetzt in reifer Mädchenhaftigkeit vor den Altar trat, in fast noch knospender Entwicklung gekannt, und während nunmehr der Priester seine Anrede hielt, das Brautpaar mit klangvollen Stimmen die Jaworte sprach und die Ringe gewechselt wurden, erinnerte ich mich an folgendes.

Es war zu Anfang der Sechziger Jahre. Ich hatte den Soldatenrock noch nicht lange ausgezogen und mich mit meinen literarischen Hoffnungen und Entwürfen in einer stillen Vorstadtwohnung eingesponnen, die ich in der Regel während der ersten Nachmittagsstunden verließ, um in einer nahe gelegenen Gastwirtschaft mein Mahl einzunehmen. Auf dem Wege dahin mußte ich an einem stattlichen Hause vorüber, an einer jener Neubauten, wie sie damals allerorten emporwuchsen und hier der Hauptstraße der Vorstadt ein immer vornehmeres Aussehen verliehen. Es gehörte, wie ich später erfuhr, der Witwe eines Baumeisters, der die Herstellung auf eigene Rechnung in Angriff genommen hatte, inzwischen aber mit dem Tode abgegangen war. An einem Fenster des ersten Stockwerkes, in welchem die Eigentümerin wohnte, gewahrte ich nun öfter das reizende Profil eines Mädchens, das hinter einer Reihe wohlgepflegter Blumentöpfe saß. Die noch sehr jugendliche Schöne wendete natürlicherweise den Kopf bisweilen nach der Straße, und so kam es, daß sich eines Tages unsere Blicke begegneten, wobei mir ihre hellen Goldaugen besonders auffielen. Seitdem stellte sich zwischen uns eine Art stillen Einverständnisses her, so zwar, daß sie mich jetzt immer zu erwarten schien und sich, wenn sie mich kommen sah, hinter den Blumen erhob, mir auf diese Art auch den Anblick ihrer zarten Büste zuteil werden lassend. Obgleich ich nun keinerlei Absichten hegte, so spann ich doch den Faden des kleinen Romans in anmutigen Träumen fort, indem ich es gewissermaßen dem Schicksale überließ, ob es mich vielleicht ohne mein Zutun dem holden Geschöpfe näher bringen wolle. Es durchzuckte mich daher ein freudiger Schreck, als ich sie eines Tages, da ich gerade auf dem Heimwege begriffen war, sehr zierlich gekleidet aus dem Haustor treten und in die nächste, nur ein paar Schritte entfernte Seitengasse einbiegen sah. Im ersten Augenblick war ich wie eingewurzelt stehen geblieben; dann aber folgte ich ihr. Sie trug ein helles, blau gestreiftes Sommerkleid und ein braunes Strohhütchen, das mit künstlichen Feldblumen geschmückt war. Zum ersten Male hatte ich ihre hohe, schlanke Gestalt ganz vor Augen und konnte die harmonischen Gliederbewegungen, die kräftig ausschreitenden Füßchen und die dichte Fülle des Haares bewundern, das ihr, nach der Mode jener Zeit, halbgelöst, in einem feinen Seidennetze weit über den Nacken hinabhing. Sie mußte mich vorhin gleichfalls wahrgenommen haben, denn sie wendete öfter den Kopf zur Seite, wie um zu spähen, ob ich ihr gefolgt und in der Nähe sei.

Jetzt hatte sie die Gasse durchschritten, welche in eine breite, von Menschen und Fuhrwerken sehr belebte Straße mündete. Dort blieb sie einen Augenblick unschlüssig stehen, setzte dann behutsam auf den Fußspitzen über den Fahrweg, der erst vor kurzem bespritzt worden war, und ging jenseits, sich nach rechts wendend, noch ein Stück fort, um in eine jener stillen, nach dem Südbahnhof führenden Gassen einzubiegen, welche damals noch zum größten Teil von wipfelüberragten Gartenmauern gebildet wurden. Tat sie das, um mir Gelegenheit zu ungescheuter Annäherung zu bieten? Kaum konnte ich daran zweifeln, denn sie hatte ja jetzt mit einer raschen Wendung nach mir zurückgeblickt. Dennoch und obgleich ich nun ebenfalls die Gasse betrat, konnte ich einer gewissen mutlosen Befangenheit nicht Herr werden und hielt mich noch immer in einiger Entfernung. Endlich, da ich sah, daß sie langsamer zu gehen anfing, faßte ich ein Herz und war bald an ihrer Seite, indem ich mich, den Hut lüftend, in einem Gewirr von Worten verfing, wie man sie bei ähnlichen Anlässen zur Entschuldigung zu stammeln pflegt.

Sie blickte mich leicht von der Seite an und brach dann in ein klingendes Lachen aus.

„Entschuldigen Sie sich doch nicht gar so sehr“, sagte sie. „Wir sind ja alte Bekannte, denn Sie gehen täglich an unserem Hause vorüber. Aber wer sind Sie eigentlich?“ fuhr sie nach einer Pause fort, indem sie mich jetzt mit ihren hellen Augen eindringlich musterte.

Ich gestehe, daß mich nunmehr eine eigentümliche Verlegenheit überkam. Der Berufstitel „Schriftsteller“ diente zu jener Zeit noch nicht zu besonderer Empfehlung; man war weit eher geneigt, einige Mißachtung daran zu knüpfen. Überdies hatte ich noch keine öffentlichen Proben meiner Tätigkeit abgelegt, war daher gewissermaßen weder Fleisch noch Fisch. Dennoch mußte ich mich entschließen, mit einiger Beklemmung zu sagen: „Ich bin Schriftsteller“.