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Es endete nur zu bald — und traurig. Was ich darüber zufällig und absichtlich in Erfahrung gebracht, kann hier in Kürze erzählt werden.

Das Glück war Röber nicht treu geblieben. Er verlor, verlor alles, was er gewonnen — und noch mehr. Aber er hatte, um sich aufrecht zu erhalten, in letzter Zeit auch nach anvertrauten Geldern gegriffen: drei namhafte Beträge waren sofort zu ersetzen, wofern er nicht den Gerichten verfallen wollte. Woher aber die nötige Summe nehmen? Elsa brachte sie zustande: sie ging — ob nun gezwungen, oder aus eigenem Antriebe — Conimor darum an. Und dieser erfüllte ihr Begehren. Er hatte gerade die Nacht zuvor im Wienerklub an einen hohen Aristokraten zweimal hunderttausend Gulden im Spiel verloren; was lag daran, wenn Papa noch ein Sümmchen darauf legte, das doch kaum zur Hälfte jenes Verlustes hinanreichte? Er konnte es ja wieder hereinbringen. Elsa erhielt also das Geld und gab es Röber. Dieser nahm es — und verschwand, ohne seine Verpflichtungen zu erfüllen. Mit ihm die neue Geliebte. Es mußte alles von langer Hand vorbereitet gewesen sein; denn sie waren spurlos entkommen. Wie man annahm, nach Amerika; und in der Tat liefen zwei Jahre später von dorther Briefe und Geldsendungen an die Verlusttragenden ein.

Was aber hätte die arme Verlassene damals tun sollen? Die Villa war mit Beschlag belegt worden; ihr selbst standen peinliche Vernehmungen — vielleicht noch Ärgeres bevor, da man anfänglich nicht umhin konnte, sie als die Mitwisserin jener sträflichen Vorgänge anzusehen. Sie nahm also zu dem Mittel ihre Zuflucht, das sie schon lange vorher zur Beschwichtigung körperlicher Schmerzen in Anwendung gebracht und welches sie jetzt rasch und mit einem Mal von allen Leiden befreien sollte. Sie vergiftete sich mit Morphin.

Und was würde Frauenlob gesagt haben, wenn er diesen vollwichtigen Triumph seiner Vorhersagungen noch erlebt hätte?! Aber er war vor Elsa zu Grabe gegangen. Ein Lungenübel, zu dem er seit jeher veranlagt gewesen, hatte sich in Berlin, wo er kümmerliche Tage fristete, rasch entwickelt und ihn dahingerafft, ehe ihm noch die viel gepriesene Heilkraft der Kochschen Lymphe eine trügerische Hoffnung hätte gewähren können.

Schloß Kostenitz.

Vorwort des Herausgebers.

Die noch nicht druckreifen Vorarbeiten zum „Schloß Kostenitz“ hat Saar für den Fall seines Ablebens der Fürstin Salm oder seinem Schwager Dr. Camill Lederer als Andenken vermacht, der letztere hat sie wiederum Herrn Hofrat Maresch gewidmet, in dessen Besitz sie sich gegenwärtig befinden. Wir erfahren aus ihnen, daß die Novelle, die ursprünglich „Schloß Reichegg“ und später „Baronin Clotilde“ betitelt werden sollte, mit der älteren: „Haus Reichegg“ nicht bloß inhaltlich verwandt, sondern wirklich mit ihr aus einer Wurzel entsprossen ist. Saar scheint einen ursprünglich für die frühere Novelle bestimmten Eingang unter älteren Papieren vorgefunden und an ihn angeknüpft zu haben. Im März 1890 hat er unsere Novelle in Kaltenleutgeben begonnen und dann in Raitz im Sommer und Herbst fortgesetzt, ohne viel über den Eingang hinaus zu kommen, der wieder in einem Dutzend nur wenig verschiedener Abschriften vorliegt. Der Held heißt hier noch Günthersdorff, der Graf Poiga-Reuhofen; bei dem Versteck zwischen den Türen (Seite 281) wird auf Latour namentlich angespielt und unter den Lieblingswerken der Baronin außer der „Amaranth“ von Redwitz besonders Hebbels „Herodes und Mariamne“ genannt. Vollendet wurde die Novelle in Raitz am 1. März 1892; sie erschien zuerst im Feuilleton des Abendblattes der Deutschen Zeitung vom 27. Juli bis 19. August 1892 in acht Abschnitten (Nr. 7391-7414) und schon wenige Monate später, im Oktober 1892, aber mit der Jahreszahl 1893, als Einzeldruck (600 Exemplare), „Karl von Thaler in alter Freundschaft zugeeignet“. Der Dichter, der die Novelle für eine seiner besten und für Österreich bedeutsamsten Arbeiten hielt, wollte vier Jahre später (im Herbst 1896) den fünften und siebenten Bogen umdrucken und bei Seite 123 des ersten Druckes einen Karton einlegen lassen, um „einige sehr kurze, aber höchst notwendige Verbesserungen anzubringen“. Als aber dann die zweibändige Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 309-393) zustande kam, stellte er das von ihm bereits durchkorrigierte Exemplar für diese zur Verfügung. Es ist nun für den Dichter, von dem man das sagen könnte, was W. Schlegel von Calderon gesagt hat: daß aus seinen Händen nicht eine verwahrloste Zeile hervorgegangen sei, höchst charakteristisch, wie geringfügig die Änderungen sind, um derentwillen er die Kosten eines Umdruckes nicht scheute. S. 312 f. unserer Ausgabe redet der Graf die Baronin nur mehr einmal mit „Du“ an („Du liebst mich?“), kehrt aber gleich wieder zum „Sie“ zurück, und die Worte: „und da sie verzweiflungsvoll widerstrebte“ sind hinzugefügt. S. 325 sind die Worte: „Daher galt sie auch .... Interesse ein“, welche die Charakteristik der Baronin vervollständigen, an die Stelle der noch zum vorausgehenden Satze gehörigen Worte getreten: „daß sie fallen würde, ohne sich wieder erheben zu können.“ Der Karton aber sollte Seite 337 einzig und allein um der drei Worte willen: „aller Wahrscheinlichkeit nach“, eingelegt werden. In der zweiten Auflage der zweibändigen „Novellen aus Österreich“ 1904 (a. a. O.) hat die Novelle nur mehr ganz unbedeutende Veränderungen erfahren.

I.

In der Nähe eines Grenzgebirges, dessen westliche Ausläufer sich dicht bewaldet ins flache Land erstrecken, liegt auf mäßiger Höhe ein weit ausblickendes Schloß, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht allzu freundlich von dem Hintergrunde dunkler Tannen abgehoben hatte. Denn die Mauern waren verwittert, die Fensterläden geschlossen, und um das schweigende Portal wehte der Hauch der Verödung. Unten aber dehnte sich die Ebene aus, damals wie heute, ein sonniges Bild regen, werktätigen Lebens. Hart am Fuße des Abhanges ein stattlicher Marktflecken, in dessen Umkreise der schwarze Diamant, die Steinkohle, geschürft und auf unübersehbaren Feldern, von nur schmalen Strichen Kornes eingerahmt, die gelb blühende Ölpflanze und die zuckerspendende Rübe gebaut wurden. Dazwischen, weithin zerstreut, einzelne Schachte und Fabrikgebäude, gegen deren geschwärzte Mauern und qualmende Schlote sich hier und dort ein hellschimmerndes Landhaus umso lieblicher ausnahm. Von dort herauf erklang tagsüber, bald lauter, bald gedämpfter, das Gepolter der Maschinen, das Brausen der Dampfkessel, der gellende Schall der Werkglocken — und verzitterte in den Wipfeln des Schloßparkes, wo auf dem verschlammenden, von Wasserrosen überdeckten Teiche ein einsamer Schwan die stillen Kreise zog. —