Leipzig.
Max Hesses Verlag.
Das Recht der Übersetzung behält sich der Wiener Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung vor.
Inhalt.
Novellen aus Österreich.
Dritter Teil.
| Seite | |||
| Schicksale. | |||
| 9. | Leutnant Burda | [7] | |
| 10. | Seligmann Hirsch | [77] | |
| 11. | Die Troglodytin | [117] | |
| Frauenbilder. | |||
| 12. | Ginevra | [161] | |
| 13. | Geschichte eines Wienerkindes | [209] | |
| 14. Schloß Kostenitz | [273] | ||
Leutnant Burda.
Vorwort des Herausgebers.
Die Novelle ist im Sommer 1887 in Blansko geschrieben und noch in demselben Jahre in der „Deutschen Dichtung“ von Karl Emil Franzos am 1. und am 15. September (zweiter Band, Heft 11 und 12, Seite 312-334 und 338-354) zuerst erschienen. Hier sollte sie den Titel: „Vanitas“ führen, den Saar auf den Rat Franzos’ in den ursprünglichen: „Leutenant Burda“ verändert hat. Die Handschrift hat sich Franzos nach dem Abdruck für seine Autographensammlung ausgebeten; der Dichter aber konnte ihm nicht zu Willen sein, da sie die Fürstin Salm besitzen wollte, in deren Nachlaß sie sich also wohl befinden dürfte. Früher aber hat sie der Dichter noch mit vielen, jedoch bloß stilistischen Abänderungen der Buchausgabe in der dritten Novellensammlung: „Schicksale“ (Seite 1-126) zugrunde gelegt, welche im Herbst 1888 mit der Jahreszahl 1889 erschien. Für die zweibändigen Ausgaben der „Novellen aus Österreich“ 1897 und 1904 (zweiter Band, Seite 1-81) hat Saar hie und da neuerdings zu bessern gesucht und noch in der letzten Korrektur von 1904 die Chiffre B... in Brünn aufgelöst. Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen den Drucken von 1889 und 1897 nimmt der Abdruck in der „Wiener Mode“ 1898 (Elfter Jahrgang, 7. bis 12. Heft, Seite 294 ff., 337 f., 376-378, 415-417, 456 f., 497 f.) ein, der zwar nach der Angabe des Herausgebers auf Grund der „Novellen aus Österreich“ von 1897 veranstaltet sein soll und mit ihnen auch in der Regel übereinstimmt, wiederholt aber doch noch Lesarten der „Schicksale“ von 1889 aufweist; er muß auf eine Handschrift oder auf Korrekturbogen zurückgehen, die für den Druck von 1897 dann noch weitere Änderungen erfahren haben. Dagegen beruht die zweite Auflage der „Schicksale“ von 1897 auf demselben Satz wie die „Novellen aus Österreich“ von demselben Jahre.
I.
Bei dem Regiment, in welchem ich meine Militärzeit verbracht hatte, befand sich auch ein Leutnant namens Joseph Burda. In Anbetracht seiner Charge erschien er nicht mehr allzu jung; denn er mochte sich bereits den Dreißigern nähern. Dieser Umstand würde schon an und für sich genügt haben, ihm bei seinen unmittelbaren Kameraden, die fast durchweg flaumige Gelbschnäbel waren, ein gewisses Ansehen zu verleihen; aber er besaß noch andere Eigenschaften, die ihn besonders auszeichneten. Denn er war nicht bloß ein sehr tüchtiger, verwendbarer Offizier, er hatte sich auch durch allerlei Lektüre eine Art höherer Bildung erworben, die er sehr vorteilhaft mit feinen, weltmännischen Manieren zu verbinden wußte. Als Vorgesetzter galt er für streng, aber gerecht; Höheren gegenüber trug er eine zwar bescheidene, aber durchaus sichere Haltung zur Schau; im kameradschaftlichen Verkehr zeigte er ein etwas gemessenes und zurückhaltendes Benehmen, war jedoch stets bereit, jedem einzelnen mit Rat und Tat getreulich beizustehen. Niemand wachte strenger als er über den sogenannten Korpsgeist, und in allem, was den Ehrenpunkt betraf, erwies er sich von peinlichster Empfindlichkeit, so zwar, daß er in dieser Hinsicht, ohne auch nur im geringsten Händelsucher zu sein, mehr als einmal in ernste Konflikte geraten war und diese mit dem Säbel in der Faust hatte austragen müssen. Infolgedessen wurde er ein wenig gefürchtet, aber auch um so mehr geachtet, ohne daß er dadurch anmaßend oder hochfahrend geworden wäre, wenn es gleichwohl dazu beitrug, die etwas melancholische Würde seines Wesens zu erhöhen.