Burda schien sich an meinem Erstaunen zu weiden. „Nun,“ sagte er endlich lächelnd, „siehst du darin etwas so ganz Unmögliches?“

Nun galt es wieder, ihn nicht zu verletzen. „O nein — durchaus nicht — — ich habe nur nachgedacht. Auf welche Art willst du denn der Prinzessin das Gedicht zukommen lassen?“

„Auf welche Art? Ganz einfach durch die Post.“

„Durch die Post?“

„Natürlich. Du weißt, daß ich mich ein wenig auf Kaligraphie verstehe. Ich bringe also die Verse ohne Unterschrift und ohne meine Hand zu verraten aufs zierlichste zu Papier. Auf der Adresse ahme ich eine Damenschrift nach, und um die Empfängerin sofort wissen zu lassen, von wem der Brief kommt, siegle ich mit feinem, blaßgelbem Lack — mit der Farbe unserer Aufschläge“, setzte Burda erklärend und bereits etwas ärgerlich hinzu, da er in meiner Miene noch immer keine verständnisvolle Zustimmung bemerken mochte.

„Das ist alles ganz gut“, warf ich jetzt ein. „Aber wie, wenn der Brief in unrechte Hände fällt?“

Burda sah mich mit mitleidsvoller Überlegenheit an. „In unrechte Hände? Glaubst du denn, daß man in fürstlichen Häusern den Töchtern die Briefe öffnet, wie dies wohl in bürgerlichen Kreisen von seiten mißtrauischer Väter und Mütter geschehen mag?“

„Vom Öffnen ist nicht die Rede. Aber der Brief kann in Gegenwart anderer Personen überbracht werden. Und wenn dann hinsichtlich seiner an die Empfängerin eine Frage gerichtet wird — was soll sie erwidern?“

Burda rückte ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. „Lieber Freund,“ sagte er gereizt, „man sieht doch gleich, daß du keine Ahnung hast, was in der Aristokratie Sitte und Gepflogenheit ist. In solchen Familien hat jedermann seine eigenen Appartements, seine eigene Dienerschaft — und man empfängt eben seine Briefe für sich allein. Indessen hast du in gewissem Sinne recht“, fuhr er nach einer Pause einlenkend fort; „ich selbst verkenne ja das Bedenkliche meines Unternehmens nicht. Aber du wirst zugeben, daß meinerseits etwas gewagt werden muß; denn die Prinzessin kann doch nicht den ersten Schritt tun. Im übrigen habe ich alles wohl erwogen und reiflich überlegt. Die Sache steht einfach so: entweder erwartet man — und ich habe Gründe, dies aufs bestimmteste vorauszusetzen — von mir eine Kundgebung, dann begreifst du wohl, daß es mit dem Briefe keine Gefahr hat. Denn selbst angenommen, daß er der Gegenstand irgend einer Frage würde, so besitzt man gewiß auch den nötigen weiblichen Scharfsinn, um sich aus der Affäre zu ziehen. Oder: ich habe mich bis jetzt vollkommen getäuscht — nun, dann wird man die Verse einfach beiseite werfen — und alles ist aus.“

Diese ruhige Auseinandersetzung wirkte. Mir selbst kam jetzt das Ganze weniger befremdlich vor. Ich hätte freilich noch einwenden können, daß in dem Schritte, den er unternahm, etwas Verletzendes für die junge Dame selbst liege; aber ich unterdrückte diese Bemerkung und sagte bloß: „Ich sehe, du hast alle Umstände aufs genaueste in Betracht gezogen, und so kann ich dich nur bitten, mir zu verzeihen, daß ich mir gestattet habe — —“