„Das ist mir nicht aufgefallen.“
„Weil du nicht darauf geachtet hast. Tritt hinaus und überzeuge dich, daß sie unsere — das heißt meine Farbe trägt.“
Als ich mich nun wieder an meinen früheren Platz begab, hatte der vierte Akt bereits begonnen. Ich blickte nach der Loge — und in der Tat, es war so, wie Burda gesagt hatte. Das tief in den Schultern ausgeschnittene Kleid war von mattem Gelb; im dunklen Haar wiesen sich gelbe Rosen — und vor allem leuchtete mir ein großer Fächer von hellem Goldgelb in die Augen, den die Prinzessin nachlässig auf und nieder bewegte. Ich begriff nicht, wie ich dies alles hatte übersehen können, da es doch um so auffallender war, als die beiden älteren Schwestern heute anders, und zwar in zartes Blau gekleidet waren. Es sah wirklich wie Absicht aus.
Das Stück näherte sich dem Ende. Burda war inzwischen wieder an meiner Seite erschienen, und als jetzt der Vorhang fiel, raunte er mir zu: „Komm, wir wollen sie noch in den Wagen steigen sehen.“
Wir eilten in die Garderobe, nahmen unsere Mäntel und stellten uns in der Einfahrt auf. Das Haus leerte sich diesmal rasch, es dauerte daher nicht lange, so erschienen die Prinzessinnen, in weiße, mit Schwan besetzte Theatermäntel gehüllt. Ihr Vater, der gegen Ende der Vorstellung im Hintergrunde der Loge sichtbar geworden, folgte ihnen auf dem Fuße, während zwei Wagen vorfuhren. Man sonderte sich paarweise; der Fürst mit der jüngsten Tochter stieg in den ersten Wagen, die beiden anderen in den zweiten — und die schmucken Gefährte rollten von hinnen. Wir sahen ihnen noch eine Weile nach, und ich glaubte zu bemerken, daß sie, auf dem Michaelerplatz angelangt, sich trennten und jedes eine andere Richtung nahm.
Nun entfernten wir uns, und Burda schlug, ohne ein Wort zu sagen, den Heimweg ein, doch nicht wie gewöhnlich durch die Stadt, sondern über das verödete Glacis vor dem Burgtor. Es war im Dezember. Der Tag hatte sich frostig angelassen, jetzt aber war es milder geworden. Feiner weißer Nebel lag wie ein matt durchleuchteter Schleier über der Stadt; dabei fing es in weichen, dichten Flocken zu schneien an.
Da Burda in seinem Schweigen verharrte, so schritten wir eine Zeitlang stumm nebeneinander hin. Aber ich fühlte, daß er erwartete, ich würde das Gespräch eröffnen, und begann daher endlich: „Nun, hast du eine weitere Kundgebung erhalten?“
Er warf mir einen Blick von der Seite zu. „Eine weitere Kundgebung?“ erwiderte er scharf. „Genügt denn nicht diese eine, daß sie, wie schon erwähnt, meine Farbe trug? Hätte sie mir vielleicht noch Zeichen machen — oder vor dem Theater in die Arme fallen sollen?“
Ich sah, wie sehr ich ihn mit meiner Frage gereizt hatte. „Keineswegs,“ erwiderte ich, „ich meinte ja nur — — Und wenn du wirklich überzeugt bist, daß die Wahl der Farbe eine absichtliche war —“
„Überzeugt?“ rief er noch mehr aufgebracht. „Als ob da ein Zweifel sein könnte!“ Und sich gewaltsam mäßigend fuhr er fort: „Ich vergesse, lieber Freund, daß du das Recht hast, mich vor möglichen Selbsttäuschungen zu warnen. Aber wie soll ich dir meine Überzeugung beibringen? Das bleibt doch immer nur Sache des Gefühls.“