‚Nun, hab’ ich es mir nicht hübsch eingerichtet?‘ fragte Ginevra. ‚Wenn ich hier nähe, kann ich in unseren Garten blicken. Der ist freilich jetzt noch ganz kahl und wüst; dafür blühen meine Blumen am Fenster. Und das hier‘ — sie näherte sich mit dem Lichte dem Vogelbauer, in welchem ein Zeisig, den Kopf unter dem Flügel, bereits auf seinem Stängelchen schlief — ‚das ist mein piccino! Er zwitschert bei Tag ganz lustig. Und dort‘ — sie beleuchtete das Regal — ‚dort haben Sie den ganzen italienischen Parnaß: Dante, Ariosto, Tasso und so weiter. Er rührt von meinem Vater her, der seinen Stolz darein setzte, das Italienische zu verstehen, wie ein Eingeborner — oder eigentlich noch besser. Er las gar nichts anderes, und Gott weiß, wie oft er diese Bände mag vorgenommen haben. Er kannte kein anderes Vergnügen. In seinen jüngeren Jahren war er auch Zeichner; jene Landschaften dort sind von ihm in Neapel aufgenommen worden, denn er hat im Jahre Zwanzig die österreichische Intervention mitgemacht.‘

Ich hatte inzwischen einen der Bände herausgezogen und aufgeblättert.

‚Lesen vielleicht auch Sie italienisch?‘ forschte sie.

‚Ich sollte wohl; denn es wurde im Kadetteninstitute gelehrt. Aber ich habe es nicht weit gebracht.‘

‚Wir wollen miteinander lesen, dann wird es schon gehen. — Hast du gehört, Mamma,‘ rief sie ins Zimmer hinein, ‚daß ihm unsere Sprache nicht fremd ist?‘

‚Ho compreso; che piacere!‘ ließ sich die Mutter vernehmen.

‚Sie können sich übrigens denken,‘ fuhr Ginevra fort, ‚daß ich selbst das meiste von dem nicht kenne, was in den Büchern steht; es ist eine gar zu schwere Lektüre für ein junges Mädchen.‘

Wir waren bei diesen Worten wieder aus dem Stübchen getreten, und da ich wahrnahm, daß eine alte Standuhr im Zimmer bereits auf Acht wies, so hielt ich es für angemessen, mich jetzt zu verabschieden.

‚Auf Wiedersehen‘, sagte die Mutter. ‚Sia benedetta la sua intrata da noi.‘

Ich zog die Hand, die sie mir reichte, ehrerbietig an die Lippen und trat aus der Tür, von Ginevra mit dem Lichte begleitet. Draußen stellte sie es nieder und folgte mir in den Flur. Dort blieb sie stehen und breitete mit einer unaussprechlich schönen und edlen Bewegung die Arme aus.