Aber wie sieht es mit seiner ersten Nahrung aus? — Mir deucht, es leide keinen Widerspruch zu behaupten, daß die Mutter dem Kinde die Brust reichen müsse; wenn nicht physische Fehler es ihr schlechterdings unmöglich machen.


Ueber das Selbststillen.

So weit ist es nun mit uns gekommen, daß man jetzt beweisen muß, daß man das thun soll, was die Natur so laut befiehlt! — Ist es der Gesundheit des Säuglings zuträglicher, die Milch seiner Mutter zu trinken, oder die einer Amme; oder ist es vollends besser für das Kind, ihm Thiermilch zu geben? Das sind Fragen, die man noch in unsren Zeiten aufstellt. — Wunderbare Fragen! Wahrlich wunderbar! Und doch hat nicht der Pöbel bloß sie aufgestellt, sondern auch Aerzte! — Die Natur gab ja unsern Weibern Brüste, bereitet diese schon in der Schwangerschaft allmählig zum Säugen vor, und wirft der Kindbetterinn meist unter einem heftigen Fieber die Milch stromweise in diese Organe! Das ist der Fall bei allen säugenden Thieren, und auch bei Menschen. Größern Beweis unserer Ausartung giebt es doch wohl nicht, als eben diese Fragen!

Man sollte es kaum glauben, daß ein Thier in der Schöpfung so weit sinken könnte, daß es mit dreister Stirne, frevelnd gegen die Gesetze der Natur die volle Quelle auszutrocknen wage, die nach der Entbindung, als in dem gefährlichsten Zeitpunkte des Lebens, der Gebärenden zur Sicherheit, und zur zweckmäßigsten Nahrung ihres Kindes aus ihren strotzenden Brüsten strömt; daß unsere empfindelnden Schönen, die in Ohnmacht fallen, wenn sie eine Gans bluten sehen, sich erdreisten könnten, ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit auf so eine gefahrvolle Art aufs Spiel zu setzen[18]. — Auch unsere Hausthiere thun in diesem Punkte wieder um so vornehmer, je länger sie von den Menschen unterjocht, je mehr sie kultivirt sind. Unsere Kühe, unsere Ziegen geben Milch ohne ihre Säuglinge; aber auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung geben die Kühe der Hottentoten und die Ziegen keine, wenn nicht ihr Kalb dabei ist; ist das geschlachtet, so wird das Fell über ein andres gelegt, damit sie bei Empfindung des Geruchs die Milch fließen lassen[19]. Auch Pallas[20] erzählt, daß weder die Kühe, noch die Stuten bei den Kalmucken Milch geben, wenn nicht ihr Kalb oder Füllen gegenwärtig ist. Aber bei uns hat kaum die, leider! so oft ganz gegen ihren Willen schwangere Mutter geboren, so ist weder ihre eigne Gefahr, noch die Stimme der Natur vermögend, ihre Rechte geltend zu machen. Eiligst entzieht sie sich dieser heiligen Pflicht, und übergiebt ihr Kind einem Thiere, oder, wenn es viel ist, einer Säugamme, die, wie J. J. Rousseau sagt, nicht den Namen Mutter verdient, wenn sie um ein Stück Geld ein fremdes Kind dem ihrigen vorzuziehen niederträchtig genug ist. Sehr viele redliche Männer, vorzüglich Aerzte aus allen Nationen, denen das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, haben es übernommen, unsern Weibern die schlechte Erfüllung ihrer Mutterpflicht vorzuwerfen, ihnen die Schuldigkeit und Vortheile des Selbststillens, die Gründe, warum eine Mutter ihr Kind selbst stillen soll, und die glücklichen Beispiele überzeugend mit Beredsamkeit darzustellen. An Ueberzeugung kann es nicht fehlen; nur Ausgelassenheit, Wollust, Schwelgerei, und Gemächlichkeit haben dieses Band der mütterlichen Liebe zerrissen; denn so, wie es jetzt bei uns ist, so war es auch zu Rom, als die Ueppigkeit am höchsten gestiegen war. Plutarch erzählt schon als etwas außerordentliches, daß die Mutter des Kato selbst gestillt habe. Aber damals waren die Sitten unserer Ahnen noch nicht verdorben. Da waren die stillenden Frauen nicht, wie jetzt, ein verächtlicher Haufen entehrter Weibsbilder. Dort (erzählt Tacitus)[21] stillt jede Mutter ihre Frucht mit eigenen Brüsten. In unsern Tagen, sagt Frank, würde Tacitus diese, wie viele andere Stellen, die er zu unserm Lobe geschrieben, ganz ausstreichen müssen. Die Zärtlichkeit deutscher Weiber ist nun zu ihren Ehegatten gar zu groß, als daß sie in Erfüllung dieser Pflichten ihren Wuchs und das Harte und Runde ihres Busens zernichten möchten.

Auch der eigene Vortheil der Weiber ist es sogar, wenn sie diese mütterliche Pflicht nicht versäumen; denn die nicht stillenden Mütter sind fürchterlichen Zufällen, und dem Tode weit eher unterworfen. — Wir wollen, um nicht zu weitläufig zu werden, hievon nur einige Data näher beleuchten. Wenn sich die Kindbetterinn von der verrichteten Arbeit etwas erhohlt, so wendet sich der Trieb der Säfte zu den zwei größten Drüsen des Körpers: zu den Brüsten, durch deren natürliche Ableitung bei dem bestimmten Saugen des Kindes alle Beklemmung gehoben wird, und alle vorhergegangene Ueberfüllung der Gefäße sich legt. Durch das Saugen des Kindes, so oft es die Brustwarzen aufrichtet, wird die Geburtsreinigung der Mutter befördert, und die hält in diesen Umständen nicht lange, selten länger, als vierzehn Tage an, da die Nichtstillenden Wochen, selbst Monate lang damit zu kramen haben. Die Gebärmutter gewinnt Zeit, ihre vorige Stärke wieder zu erhalten, und dadurch die Mutter zur künftigen Schwangerschaft geschickter zu machen. Viele Weiber, die die Wohlthat und das Vergnügen ganz Mutter zu seyn, fühlen wollten, versichern, daß sie nie so wohl gewesen wären, als in der Säugezeit, und daß auch die Natur mit dieser Pflicht ein sinnliches Vergnügen verbunden habe; das bestätigt Ballexerde, und Morton; letzter erzählt, daß bei verschiedenen Engländerinnen, denen durch ihre delikate Leibesbeschaffenheit eine Auszehrung bevorstand, ihre Gesundheit durch das Säugen stärker, und blühender geworden sey. Ich selbst sah mehrere Weiber, die diese Pflicht übernommen hatten, während dieser Zeit schöner, und vollkommner werden. Ihr Aussehen war lebhaft, sie waren munter an Geist und Leib, ihre Brüste wurden nicht durch Knoten und Abscesse verunstaltet, ihr Fleisch war fest und stark. Leake[22] empfiehlt das Selbststillen sogar um der Schwindsucht vorzubeugen, und Bierchen[23] erzählt ein Beispiel, wo durch das Säugen ein schmerzhafter Scirrhus geheilt ward. Es ist eine Folge des vernachlässigten Selbststillens, wenn man bei den mehrsten Halbmüttern aus erwähntem häufigern Zuflusse der Säfte zu den Geburtstheilen bald nach der ersten Niederkunft den weißen Fluß[24] entstehen sieht. Wohl drei Viertel nichtstillender Mütter sind diesem ekelhaften Ungemache unterworfen, wodurch wahrlich die eheliche Zuneigung — nichts gewinnt. Das ist aber im Gegentheile so etwas seltenes bei Säugenden, daß man beinahe nie eine Säugamme hieran, oder am Krebse oder an Milchgeschwüren etwas bedenkliches leiden sieht.

Aber betrachten wir nur den Einfluß, den das Nichtstillen der Mütter auf das Kind hat. Es ließ sich schon vorhersagen, daß dieser äußerst nachtheilig seyn müsse; denn kann das ohne Uebel abgehen, wenn ich so plötzlich dem Kinde statt seiner gewohnten Nahrung eine andre willkührliche erkaufe? Wenn ich dem Kinde statt den Säften, aus denen es (ich möchte fast sagen) ganz besteht, auf einmal andre gebe? Aber die Erfahrung hat hier die Theorie auf eine traurige Art bestätigt, denn die Sterblichkeit der Kinder ist jetzt außerordentlich groß[25], und ist offenbar da viel größer, wo mehrere Mütter ihre Kinder nicht stillen[26]. Es giebt einige, die die Thiermilch der Frauenmilch an die Seite setzen, oder gar vorziehen[27]. So behauptet Brouzet: die Kühmilch, mit der man in nördlichen Ländern oft Kinder zu erziehen pflegt, sey gleich gut mit der Frauenmilch[28]. Er hätte noch, sagt Frank, die Guancho’s auf Teneriffa beizählen können, die ihre Kinder statt Müttern den Ziegen anhängen. Man hat vorzüglich dafür gesagt: die Fortpflanzung der bösen Neigungen werde durch den Genuß der Muttermilch unterhalten, und durch Thiermilch natürlich unterdrückt. Aber ist denn nicht die Milch anderer Thiere von der Weibermilch sehr unterschieden? Ist nicht für eine jede Art lebender Geschöpfe eine eigne Art Milch bestimmt? Und warum hätte die weise Natur gerade die Frauenmilch so verschieden von jeder andern gemacht? Man lese nur die Analisen, vorzüglich die neuern, der Milcharten. Der Unterschied zwischen Frauenmilch und Thiermilch[29] ist wirklich so auffallend groß, daß schlechterdings keine andre Milch dafür ein Surrogat abgeben kann. Es zeigt wahrlich einen großen Grad von chemischer Unwissenheit bei den Aerzten an, die sie bei den Neugebornen der Menschenmilch substituiren wollen. Man braucht sich hier nur an die Schwierigkeiten zu erinnern, mit der sie durch Säuren zum Gerinnen gebracht werden kann, an die Verschiedenheit des Rahms in der Frauenmilch von dem in der Kühmilch, daß man z. B. nie wirkliche Butter daraus bereiten kann, u.s.w., was hier unnöthig wäre weitläufig zu erzählen; so ist es deutlich genug, daß Thiermilch für die Neugebornen eine zweckwidrige Nahrung ist. Wie verschieden müssen also die Erfolge seyn, die aus der Ernährung mit dieser oder jener Milchart entstehen! Gesetzt auch, man wollte das weibliche Geschlecht so weit herabsetzen, und für gewiß annehmen, daß das Verderbniß ihrer Sitten gestiegen sey; welchen Vorzug würde dieses in Rücksicht auf das Sittliche der Thiermilch vor der Frauenmilch geben? Gleichgültiger sind wohl andre Thiere; aber obschon wenigern, doch auch heftigern Leidenschaften unterworfen. Werden nicht diejenigen, so die Frauenmilch als eine Ursache von Leibs- und Seelenkrankheiten verwerfen, die Dummheit des Esels von der vorgeschriebenen Eselsmilch, und das Geile der Ziege von der Ziegenmilch befürchten müssen? So erzählt wenigstens Unzer[30] eine aus dem englischen Zuschauer entlehnte Geschichte, daß nemlich ein im übrigen rechtschaffener Mann, der mit Ziegenmilch war aufgezogen worden, wenn er sich allein befand, zu hüpfen und zu springen anfing, und von Reins redet von einem mit Saumilch gestillten Knaben, der als Jüngling im Essen, und Trinken so unflätig und ungezogen lebte, daß er an eine körperliche Bildung gar nicht dachte, und die kothigen und schmutzigen Orte so liebte, daß er sich immer sehnte, sich darin herumwälzen zu können; was er denn auch that, wenn ihn niemand sah. Zudem, so liegt ja oft bei Thieren eine Krankheit verborgen, und ihre Sehnsucht nach Begattung macht nicht selten bei ihnen eine eigne Art von Krankheit, die ganz gewiß für das Wohl des Säuglings nicht gleichgültig ist. Auch bewährt das die Erfahrung hinlänglich: So sagt z. B. Joh. Ailken,[31] Das Großziehen der Kinder ohne Säugen habe in seinem Vaterlande nicht gelingen wollen; die meisten Kinder stürben. Es kann wirklich eine so starke Abweichung von dem Gange der Natur nicht ohne Schaden seyn. Die Erfahrungen in Findelhäusern beweisen es auch so augenscheinlich, daß es der Menschheit für ihren Todtenlisten graut.