Das Erziehen mit Ammenmilch hat freilich eher etwas für sich, aber dennoch ist der Nachtheil für den Säugling auffallend groß. Er verliert schon gleich im Anfange seines Lebens die erste ihm so wesentliche Nahrung der Mutter, die gleichsam nur aus dünnen Molken besteht, die von der Natur dazu bestimmt ist, den in dem Unterleibe gesammelten Unrath abzuführen; denn es ist ja fast unmöglich, eine gute Amme gerade zu finden, die mit der Mutter am selben Tage niedergekommen ist. Und denn ist das Kind wahrlich nicht aufgelegt, welches so eben aus dem warmen Unterleibe seiner Mutter entschlüpft, sich nun an Luft und Athemholen gewöhnen muß, gleich eine Nahrung zu nehmen, die von den Säften seiner Mutter, von denen es bisher lebte, so verschieden ist. Es ereignet sich bei ihm fast das nemliche, was bei den Pflanzen geschieht, die, wenn sie von ihrem Geburtsorte weggenommen werden, nun auf ihrem neuen Standorte nicht gut Wurzel fassen, und leicht verdorren, oder bei einem Ueberflusse von fremder Feuchtigkeit, von ihrer natürlichen Gestalt in ein schwammigtes Wesen ausarten. Eben so wird auch jederzeit einer fremden Milch, ob sie schon alle Kennzeichen einer gesunden an sich trägt, ihre Eigenschaft zu nähren fehlen, welche die Muttermilch, die den zarten Bau bis jetzt unterhielt, und durch die Bemühung, und nach dem Gesetze der Natur bereitet wurde, in einem so hohen Grad besitzt[32]. Aber der wichtigste Punkt, der Punkt, bei dem dem Menschenfreunde die Haut schaudert, ist: die Einpfropfung physischer und moralischer Gebrechen auf diesem Wege. Der Säugling nimmt offenbar Antheil an den Gemüthsbewegungen und Krankheiten der Säugenden. Balbini kannte ein siebenjähriges Mädchen, das einen unwiderstehlichen Hang zum Branteweintrinken von seiner Amme eingesogen hatte. Baume kannte eine Dirne, deren Arme konvulsivisch bewegt wurden, und welche diese Krankheit auf ein Mädchen fortpflanzte, was sie stillte. Helmont erzählt, daß er eine Säugamme gekannt habe, die ausgelassen, diebisch, geizig etc. war, und die diese Eigenschaften allen ihren Säuglingen einflößte. Wie oft werden nicht gefährliche Krankheiten auf diese Art in den Säugling gebracht! Das ist der Fall vorzüglich mit der Lustseuche. Blumenbach erzählt hievon ein schreckliches Beispiel. Ich selbst sah einst ein schönes, junges Frauenzimmer, der ich mich in diesem Augenblicke noch sehr lebhaft erinnere; ich erschrak, als sie zu sprechen anfing; sie sprach durch die Nase, und so undeutlich, daß man sie kaum verstehen konnte. Die Ursache ihres Unglücks war ihre Amme, die sich durch ihre Lüderlichkeit die Lustseuche zuzog, und sie dem Kinde mittheilte, was kaum mit dem Verluste des Zäpfchens etc. gerettet wurde.

Diese Thatsachen (glaube ich) werden es niemanden schwer machen, obengenannte Fragen zu beantworten. Der würde sich das größte Denkmaal in den Jahrbüchern der Menschheit errichten, der es dahin bringen könnte, daß alle Mütter ihre Kinder selbst stillen müßten. — Ich glaube, man könnte dies dadurch bewerkstelligen, daß der Staat solche unnatürliche Mütter ohne Rücksicht des Standes bestrafte; — oder daß man, wie bei den Alten, das Fest der Entwöhnung mit vieler Pracht und Feierlichkeit wieder einführte. Von Seiten der Eitelkeit ist ja unsern Weibern am besten beizukommen. Man führe das Fest mit vielem Glanze ein, lasse sie in Begleitung einer ansehnlichen Menge ihrer Freundinnen — im prachtvollsten Anzuge dafür öffentlichen Dank hören. Dann thut sicher die Eitelkeit und das Vergnügen, einen Tag mehr zu haben, wo man im Glanze erscheinen kann, vor der Hand mehr, als alle Moralisten und Aerzte durch Gründe und Ueberredungskunst vermochten.

Aber wie muß sich die Mutter während der Säugezeit verhalten? Muß hier ihr Betragen so ängstlich und pünktlich seyn, wie man im gemeinen Leben dafür hält, und verschiedene Aerzte es anrathen?[33] — Ganz und gar nicht. Sie soll arbeiten, und wenn sie dazu zu vornehm ist, brav spazieren gehen; sie soll essen und trinken, so viel sie Hunger hat. Sie soll sich für heftige Leidenschaften hüten, und im Ganzen so betragen, wie sie sich in jeder Periode des Lebens betragen muß, wenn sie gesund seyn will. Mangel an Bewegung[34], sich vor der Luft verwahren, eine andre Lebensart anfangen, ist gerade das, was der Mutter und dem Kinde nachtheilig ist; und die Säugende erhält eben dadurch sehr leicht, die in dieser Periode so gefürchtete monathliche Reinigung[35]. Es ist zwar ein Vorurtheil, was von den ältern Aerzten herkömmt, daß die Erscheinung des Monatlichen dem Kinde nachtheilig sey[36]; allein diese Erscheinung hat bei Säugenden, die sich vernünftig betragen, ohnedies nur höchst selten statt; wie das der Fall bey unsern Bäuerinnen ist; und wenn sie eintritt, so darf sich deswegen die Mutter vom Stillen nicht lossagen; da auch die Erfahrung es deutlich zeigt, daß die Reinigung weder der Mutter, noch dem Kinde Nachtheil bringt: es sey denn, daß die Mutter sehr blutarm sey, oder das Kind sich offenbar übel dabei befinde. In dem Falle ist gewöhnlich eine Krankheit der Mutter Schuld an diesem Blutflusse, und daher schadet die Milch dann dem Kinde, nicht weil die Stillende ihre Reinigung hat, sondern weil sie krank ist.

Noch ist zu bemerken, daß nicht jede Krankheit der Mutter immer bösen Einfluß auf den Säugling hat. Man hat gesehen, daß Mütter in sogenannten faulen Fiebern, beym bösartigen Kerkerfieber[37] bis an den Tod ihr Kind ohne Nachtheil selbst gestillt haben. Im Gegentheil kann es gewiß oft sehr üble Folgen für die Mutter haben, wenn sie in einem heftigen Fieber plötzlich den Säugling entwöhnt. Doch da es für, aber auch wider noch Erfahrungen gibt, so läßt sich hierüber nichts allgemeines bestimmen; indessen ist es sicherer für das Kind (wenn es nicht mehr gar zu jung, wenn es schon mehr als sechs Monate alt ist), ihm, wenn die Mutter krank wird, eine Amme zu geben. Auch mache man es sich zur Regel, dem Kinde nie die Brust zu geben, wenn sich die Mutter, oder Amme geärgert hat, sondern lieber alle Milch auszuziehen; denn genaue Beobachter lehren, daß eine solche Milch dem Kinde wahres Gift sey, und daß oft die Fallsucht, und nicht selten selbst der Tod darauf erfolge.[38] — Es gibt auch in neuern Zeiten noch Aerzte von Bedeutung, die die alte Meinung begünstigen; daß während der Säugezeit der Beischlaf dem Kinde schade; so sagt Rosenstein[39]: „Sie (die Amme) muß sich nicht von der Liebe hinreißen lassen; denn das Kind leidet dadurch und die Milch wird ungesund und salzig. Daher erfodert die Vorsichtigkeit, daß man einer verheiratheten Amme nicht Gelegenheit läßt, mit ihrem Manne umzugehen. Bemerkt man bey ihr ein Verlangen darnach, so ist sie nicht weiter tüchtig, Amme zu seyn.“ Aber wenn das wahr wäre, wie viel Kinder würden wohl gesund bleiben! Sind nicht auf dem Lande sehr oft die Weiber wieder schwanger, ehe sie zu säugen aufhören? Wird nicht die Sehnsucht weit größern Einfluß auf die Gesundheit haben, als der Genuß? Ich finde daher gar keinen Anstand, der Mutter in dieser Zeit den ehelichen Umgang ganz zu erlauben; da er ohnedies im Ehestande nicht immer mit sehr gewaltigem Reize verbunden seyn mag. —- Selbst eine eintretende Schwangerschaft darf die Mutter nicht abhalten, ihr Kind zu stillen, obschon unsre leichtgläubigen Alten hiebey viel arges ahndeten. Van Swieten beweist vorzüglich unter den neuern Aerzten, wie ungegründet diese Furcht sey[40]: dabey ist der Fall bey säugenden Frauen nicht sehr häufig. Weiber haben meistens Ueberfluß an Milch, wenn sie gesund sind, oft mehr als drei Pfund täglich zu viel, wie Haller bemerkt; Mütter können ja auch ohne ihren Schaden und ohne Nachtheil für die Frucht Zwillinge und Drillinge ernähren. Warum sollen sie also nicht auch eins an der Brust, und ein anderes im Unterleibe ernähren können? Die Bösartigkeit der schwangern Milch, von der uns die Alten erzählen, ist Grille, ist Hypothese, die die Erfahrung täglich widerlegt. Welcher Chemist fand, was Schenk sagt[41]: Die Milch werde auf eine neue Schwangerschaft süßlicht und wässerichter? Oder daß die Milch der Schwangern eine widerstehende und abscheuliche Natur annehme? Doch thut man nach meiner Meinung am besten, wenn man auch hier den mittlern, und daher, wie fast immer, den sichersten Weg einschlägt, und den Säugling bis zur Hälfte der Schwangerschaft trinken läßt; dann ist er gewiß in dem Falle, daß er der Muttermilch nicht mehr so sehr bedarf. Uebrigens aber versteht es sich, daß hier so wohl als bey der nicht schwangern Mutter das Säugen in jeder Periode ausgesetzt werden muß, wenn man sieht, daß die Milch dem Kinde nicht bekömmt; was aber ganz gewiß sehr selten der Fall seyn wird.

Aber nun die letzte Frage: Wie lang soll eine Mutter ihr Kind stillen? — Im allgemeinen läßt sich das freilich nicht mit Zuverlässigkeit bestimmen; denn natürlich ist ein Kind schwächer als das andre, und bedarf also der Muttermilch länger. Das beste ist hier: man folge der Natur, die den Termin des Entwöhnens zu bestimmen scheint, wenn sechs oder acht Zähne zum Kauen der Speisen durchgebrochen sind: Es sey denn, daß eine noch besondere Schwäche des Kindes die zarte und weiche Nahrung von der Mutter nothwendig mache, die sich denn durch schwache Gliedmassen, und Muskeln, durch allzu große Zartheit der Haut, und welkes Fleisch zu verrathen pflegt. Wenn es aber die Mutter zu sehr schwächt, so darf man darauf nicht bestehen, und muß sie denn eher dispensiren. Der Fall ist doch zuweilen, daß durch das lange Stillen eine Anlage zur Auszehrung und ein asthenischer Habitus entsteht.

Auch ist das zu lange Stillen für den Säugling, wenn schon die Milch nicht fehlerhaft ist, gar nicht zuträglich. Und es würde ja eben so widernatürlich seyn, diesen Zeitpunkt zu verlängern, als ihn eigenmächtig abzukürzen! — Das Entwöhnen muß allmählig geschehen, sonst giebt es mehrere Ungemächlichkeiten für Mutter und Kind; denn durch das plötzlich beendigte Stillen wird eine beträchtliche Ab- und Aussonderung in dem Körper unterdrückt; daher schwellen von der angehäuften Milch die Brustdrüsen so leicht an, und entzünden sich: Morton erzählt Beispiele, daß von dem jählingen Entwöhnen die Schwindsucht entstanden sey. Nur wenn das Stillen zu lang geschieht, hat der Einwurf statt, durch den man das Selbststillen herabwürdigen wollte: daß nämlich die stillenden Mütter weniger fruchtbar wären; und Süsmilch glaubt mit Recht[42], daß die Gewohnheit der Türkinnen, die zu Aleppo ihre Kinder bis in das dritte, vierte Jahr säugeten, zur Entvölkerung Asiens beitrage: So sah auch Cleghorn[43] zu Minorka die armen Weiber ihre Kinder zwey bis drey Jahre stillen, um nicht ihre Familie zu sehr zu vermehren. Allein daß selbststillende Mütter, die die Pflicht der Natur genau erfüllen, weniger fruchtbar seyen, ist ganz falsch, und streitet gegen alle Erfahrung; denn Leute von der Klasse der weniger Vermögenden in den Städten haben offenbar eine größere Anzahl Kinder, als solche, die zum Stillen zu vornehm sind. Die Bäuerinnen will ich nicht einmal anführen; weil hier mehrere Umstände z. B. ihre gesundere Kost, ihre natürlichen Geschäfte schon zu ihrer größern Fruchtbarkeit mit beitragen. Aber gesetzt: man könnte erweisen, daß nicht stillende Weiber öfter gebähren; könnte das wohl ein Grund gegen das Stillen mit Frauenmilch seyn? Wahrlich nicht; denn gewiß werden wir dann die Grenzen der Fruchtbarkeit, die die weise Natur in dem Stillen legte, nicht mit frevelnder Hand willkührlich erweitern dürfen, ohne unsern eigenen sehr empfindlichen Nachtheil. Wir sehen auch wirklich manchmal, daß nicht stillende Weiber eher wieder von neuem schwanger werden; allein sie werden durch die schnell aufeinander folgenden Geburten und Schwangerschaften, ehe sie Zeit hatten, sich zu erhohlen, außerordentlich geschwächt, und ihre Kinder aus demselben Grunde treffliche Rekruten — für Spitäler und Siechenhäuser.

Jede Mutter soll also ihr Kind selbst stillen. An eine Amme darf sie nur denken, wenn physische Fehler es ihr durchaus unmöglich machen, diese heilige Pflicht zu erfüllen, wie z. B. Fehler an den Brüsten, und den Brustwarzen, Mangel an Milch, u. s. w. Indessen sind diese Fehler nicht so häufig, als die Damen und die dem Geiste des Zeitalters hofirenden Aerzte uns gern glauben machen.

Das erste und wichtigste, worauf man bei der Wahl einer Amme sehen muß, ist: Vollkommene Gesundheit, guter Wuchs, erträgliche Miene, und reichliche, gute Milch. Man lasse daher ein Weib, das sich zur Ammenschaft weggeworfen hat, genau und am ganzen Leibe von einem sachverständigen Manne untersuchen, besonders an den Zeugungstheilen und den Brustwärzchen. Man lasse sich auch nicht durch eine scheinbare Reinlichkeit der Wäsche und dieser Theile täuschen; denn wenn die Ammen zur Schau gehen, reinigen sie diese Theile immer mehr, als gewöhnlich. — Ein Alter zwischen 20–30 Jahren ist das schönste Ammenalter. Es ist auch sehr gut, wenn die Amme zu gleicher Zeit mit der Mutter, deren Kind sie säugt, entbunden worden ist. Man darf nicht fürchten, daß eine Milch von 8–14 Tagen für ein 8–14 Tage altes Kind zu jung ist: nur eine leichte, neue, wässerige Milch kann den neugebornen Kindern wohl bekommen.

Eine Haupteigenschaft einer Amme ist — ein guter moralischer Charakter; aber wie ist der bei dem ersten Besuche einer Amme in ihrer Miene, oder in ihrem Betragen zu entdecken?