Der Bergschotte ist auf einer großen Strecke der Erde der einzige, der noch jetzt keine Hosen trägt, und wie sehr zeichnet er sich nicht in jeder Hinsicht vor seinen behosten fernen und nahen Nachbarn aus? Sein Körper ist stark und gesund; er läuft mit einem Pferde um die Wette, und ist unermüdlich in allen Beschwerlichkeiten. Sechzigjährige Bergschotten springen noch über Hecken, wie Rehe. Er ist standhaft, muthig, sittsam, keusch und frohen Muthes. In Deutschland scheint ein Volk, zum Theil, dasselbe zu beweisen. Die Altenburgischen Bauren in Sachsen tragen sehr weite Hosen, und zeichnen sich auch durch Größe, Schönheit, Regelmäßigkeit, und Festigkeit ihres Körpers, ihres Knochen- und Gliederbaues nicht nur aus, sondern auch durch ihre Sitten und Gebräuche[95].
Es kann seyn, daß es hier und da jemand gibt, der den Vorschlag, den Knaben erst so spät Hosen zu geben, lächerlich findet: allein ich glaube, dies beweist nichts, als — daß Helvetius Recht habe, da er sagt: „jede Idee, welche unsrer Art zu sehen und zu empfinden fremd ist, dünkt uns immer lächerlich. Wir schätzen nur immer die den unsern ähnlichen Ideen, weil wir in der Nothwendigkeit sind, nur uns in den andren zu schätzen.“
Aber noch ein andrer Hauptumstand, den man noch nicht lange zu discutiren angefangen hat, macht es sehr wahrscheinlich, daß eine solche oder doch ähnliche Kleiderreform höchstzweckmäßig und für die Restauration der menschlichen Natur wesentlich sey; daß auch der Nachtheil unsrer gewöhnlichen Kleider sich auf weit mehr erstrecke, als auf verhinderte Ausdünstung, Druck der Glieder u. s. w. Es scheint nämlich, daß auf der Oberfläche unsrer Haut die Natur einen ähnlichen Prozeß anstelle, wie in den Lungen; daß auf der Oberfläche unsres Körpers, wie in der Brust, Wärme erzeugt werde. Sollte dies wirklich der Fall seyn, so ist es klar, daß unsre Kleider ein großes Hinderniß für die Operation sind. Zwischen Fell und Hemd (sagt ganz richtig der unvergeßliche Lichtenberg[96]) muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt. Die Erstickung muß ihren Anfang nehmen zwischen Fell und Hemd; indessen bei uns Gesicht und Hände noch zu athmen fortfahren. Daraus folgt, daß, wenn es uns in Kleidern friert, es uns deswegen noch nicht nackend frieren müsse; weil der Wärme Erzeugungs-Prozeß nun nicht auf einer so großen Oberfläche des Körpers gehemmt ist. Und wirklich wenn man sich z. B. in einem Zimmer auskleidet, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände zu reiben anfängt; so nimmt, wenn man ausgekleidet ist, die Kälte gar nicht in dem Verhältnisse zu, als man es erwarten sollte.
Doch ist allerdings diese Sache noch nicht ganz erwiesen. Prießley, Fontana, und noch vor kurzem Fourcroy[97] behaupten, daß keine gasförmige Flüßigkeit durch die Haut entwiche. Andre versichern, das entweichende Gas sey nur Stickgas, wie z. B. Ingenhouß, und jetzt neuerlich Trousset[98]. Mir ist jedoch, gestützt auf einige Versuche, die hier nicht am rechten Orte stehen würden, die Meinung am wahrscheinlichsten, daß das Geschäft der Haut einige Analogie mit dem der Lungen habe.
Auf alle Fälle will ich indessen durch das Gesagte dem Nackendgehen keine Apologie schreiben. Ich sehe sehr gut, in mehrern Rücksichten, für uns (wie wir jetzt sind) den klugen Gebrauch des Feigenblattes ein; aber ich sehe auch, daß wir gewiß nicht ungestraft die Operation, welche die Natur auf unsrer ganzen Oberfläche anstellen will, unterdrücken dürfen.
Manchem mag es vielleicht bei der vorgeschlagenen Kleidertracht anstößig seyn; daß in dem Anzuge der Knaben und Mädchen kein Unterschied seyn soll. Aber Kinder sind ja im Grunde ohne Geschlecht[99]! Der ehrwürdige Character der Kinder ist Unschuld, Arglosigkeit, Einfalt und Unwissenheit. Geschlecht, und Geschlechtsempfindungen liegen todt in den Kindern, und noch vielweniger wissen sie von einem Unterschiede der Geschlechter; warum macht man nun durch eine ganz wesentlich verschiedne Kleidung der Knaben und Mädchen, die Kinder aufmerksam auf den Unterschied der Geschlechter? Man macht sie nicht allein aufmerksam darauf, sondern theilt ihnen auch wirklich einen mehr, oder weniger dunkeln Begriff davon mit, und raubt ihnen dadurch ihre heilige Unwissenheit, die Frieden und Glück über ihre Kindheit verbreitete.