Bei dem Einfalle der Sarazenen in Spanien, im Anfange des siebenten Jahrhunderts, haben die Blattern wahrscheinlich unsern Welttheil zuerst heimgesucht. Eine traurige Erfahrung von zehen Jahrhunderten hat es nun bewährt, daß alle Menschen in ihrem Leben einmal von dieser Krankheit befallen werden! Die wenigen, welche sie verschont, sind nur Ausnahmen, und zwar sehr seltene Ausnahmen von der Regel. Die schrecklichste Pest hat zu keiner Zeit größere Verheerungen angerichtet, als diese Krankheit. Sie hat sich mit fortreißender Geschwindigkeit von Familie zu Familie verbreitet, von Völkerschaft zu Völkerschaft, und fast ganze Nationen aufgerieben.
Unter zehen, die von den natürlichen Blattern befallen werden, stirbt gewöhnlich in Europa einer. Die Todtenlisten der Stadt London zeigen, daß daselbst in 67 Jahren an den Blattern 113861 Menschen gestorben sind, die nicht einmal mitgerechnet, welche durch diese Krankheit ungestaltet, blind, krüppelhaft etc. wurden, und an den langsamen Folgen starben. Die gänzliche Ausrottung der Blattern, wie sie schon Medicus und andere beabsichtigten, und Scuderi, Lenz, Salzmann, Junker, Faust etc. empfahlen, war in der Ausübung einer Menge von Schwierigkeiten unterworfen.
Aber Dank, dreimal Dank dir, edler Jenner! — die Pocken sind jetzt ausgerottet; alle Gefahr ist nun vorüber. — Als wenn das jüngst verflossene Jahrhundert uns einigermaßen für so manches Unheil hätte entschädigen wollen, was es über die Menschheit angerichtet hat, daß es uns vor seinem Hinscheiden diese Entdeckung zurückließ! Wie zufrieden, wie heiter muß der glückliche Mann aus diesem Leben hinübertreten, der dem Menschengeschlechte dies unschätzbare Vermächtnis in Händen läßt, und dadurch nicht bloß der lebenden Generation, sondern auch aller zukünftigen Wohlthäter in gleichem Maße ist!
Die Kuhpocken sind es, durch die wir in Stand gesetzt sind, uns vor dieser entsetzlichen Plage (den Kinderblattern) ganz zu schützen. — Den Streit, den einige Aerzte gegen die entschiedenste Majorität darüber führten, kann man, als durchaus geschlossen ansehen. Die Liebe zu Paradoxien, und die Lust sich durch Widerspruch auszuzeichnen, scheinen offenbar den größten Antheil hieran gehabt zu haben. —
Die Erfahrungen, die man über die Kuhpocken angestellt hat, sind wirklich zahllos. Sie wurden unter jedem Himmelsstriche, und in den verschiedensten Verhältnissen beobachtet, und überall entsprach der Erfolg auf das Vollkommenste der Erwartung. — Mir wird es mein ganzes Leben hindurch eine der süßesten Rückerinnerungen seyn, die Kuhpockenimpfung in meiner Vaterstadt, und der umliegenden Gegend zuerst eingeführt zu haben!
Unter den Einwürfen gegen die Vaccination, mit denen man das meiste Aufsehen zu machen suchte, gehört der: „Die Erfahrungen sind noch zu jung, man muß erst sehen, auf wie lange die Kuhpocken vor den Menschenblattern schützen.“ Dieser Einwurf beruht offenbar auf Unkunde der Geschichte der Vaccine. Man darf nur die erste Schrift von Jenner[106] gelesen haben, um zu wissen, daß man Beispiele hat, wo die vor 31, sogar vor 53 Jahren gehabte Kuhpocken durchaus vor den Menschenblattern schützen. Man kennt jetzt auch vollkommen die ächten Kuhpocken vor den falschen, und ist daher vor aller möglichen (hier sehr gefährlichen) Täuschung ganz gesichert. Glücklicher Weise hat sich das, was de Carro früher beobachtet zu haben glaubte, nicht bestätigt, daß nämlich bei solchen, die die Kinderblattern schon gehabt haben, nach der Vaccination der Verlauf eben so, wie bei jenen sey, die die Blattern nicht vorher gehabt haben, daß aber der aus den Pusteln der erstern genommene Kuhpockenstoff seine schützende Kraft ganz verloren habe. Wäre dies wirklich der Fall; so wäre die Kuhpockenimpfung mancherlei Schwierigkeiten unterworfen, welche ich in den allg. med. Annalen bezeichnete, und worauf ich das ärztliche Publikum schon zum Voraus aufmerksam zu machen suchte, auf den Fall sich das, was Hr. de Carro gesehen zu haben glaubte, bestätigen würde; doch späterhin berichtigte de Carro diese Beobachtung selbst, und alle Besorgniß ist nun verschwunden, indem es zuverlässig ist, daß bei denen, die die natürlichen Blattern vor der Vaccination hatten, offenbar nur falsche Kuhpocken entstehen. — Nun auf einmal hintennach gibt sich Hr. D. Müller in Plauen die unnöthige Mühe zu behaupten, (ebenfalls in den allg. med. Annal.) meine Besorgniß sey ungegründet, denn der Verlauf sey in den beiden Fällen offenbar ganz verschieden. — Da hat er ganz Recht, das wissen jetzt alle Aerzte, und ich auch; aber damals wußte man es nicht. Und es war um so mehr zu fürchten, daß Hr. de Carro sich nicht geirrt habe; da er sich als einen sehr genauen Beobachter bekannt gemacht hatte, und durch seine Verdienste um die Kuhpockenimpfung in dieser Sache weit mehr Gewicht hatte, als z. B. — der Hr. D. Müller in Plauen, der, wie es scheint, durch unzeitigen Eifer, das nicht ganz liest, was er zu widerlegen gedenkt.
Alle Versuche und Gegenversuche, die man bei der Kuhpockenimpfung anstellte, geben folgende ganz genügende Resultate:
1) Die Kuhpocken schützen vor den Kinderblattern.