In der ersten Zeit unsres Lebens, wo wir anfangen unsre Existenz zu fühlen; wo uns die Natur ganz empfänglich für Freude und Vergnügen macht, wo unser größtes Unglück durch eine Thräne weggewischt wird; da müssen wir auf das Verzicht leisten, was eigentlich die Natur so tief in alle junge Thiere legt, nämlich — Munterkeit und Fröhlichkeit.

Unsre Jugend ist wirklich sehr hart. Da sitzt denn der arme kleine Knabe den lieben langen Tag hingeschmiedet, wie an einer Galeere, beinahe ununterbrochen in einer vorwärts gebeugten Stellung, und jeden Augenblick abhängig von der despotischen Laune seines mürrischen Ludimagisters; da sitzt er, und lernt Zeug, — was er durchaus wieder vergessen muß, wenn er gescheid werden will. —

Wie flach und unangemessen den Verhältnissen der Einzelnen ist der religiöse Unterricht, den wir in der Jugend bekommen! Wie so ganz schränkt sich die Bildung, die wir von dieser Seite in unsern frühern Jahren erhalten, auf das Verständniß und die Annahme einiger dürftigen Demonstrazionen und Erklärungen ein! Man fordert nicht, wie es geschehen sollte, unserm Herzen die Religion ab; nein, man übergibt sie unserm Gedächtnisse, welches sie gewöhnlich mit einer nicht viel andern Stimmung aufnimmt, als die Namen der Könige längst verloschener Reiche, und die Jahrzahlen ihrer Regierung.

Aber mit vieler Feierlichkeit bläut man es ihm ein, daß die Römer eine Thüre Janua, und ein Haus Domus nannten —, und das sind denn auch die magischen Künste alle, in die er mit so vieler Aufopferung und so vieler Feierlichkeit eingeweiht wird. Behauptet zuweilen die Natur in dem muntren Jungen ihre Rechte, neckt er einmal seinen Nachbarn, oder lacht er, weil er etwas lächerlich findet; so fühlt er bald Centner schwer den Scepter seines finstern Schulmonarchen. — Schon früh schärft man es den Kindern ein, daß laut aus vollem Halse lachen — das Kennzeichen eines rohen, ungeschliffenen Menschen sey. Der Weise (sagt man) lächelt nur; aber wehe den Gelehrten, wie unendlich theuer erkaufen sie ihr bischen Weisheit, wenn ihnen der Becher der Freude, der doch ohnedies für uns sehr sparsam gefüllt ist, so gemischt wird, daß ihr Herz auch die wenigen zu fühlen, nicht mehr empfänglich genug ist. Dann hat wirklich Rousseau nicht ganz Unrecht, daß er den Menschenfreund am Oronokostrom lobt, der zuerst die Bretter erfunden hat, zwischen denen man den Kindern den Kopf lang, und flach klemmt, und sie dadurch vor dem gefährlichen Wachsthum des Geistes verwahrt. Gerade dann, wenn die Natur will, daß das Kind nichts als scherzen und springen soll, zwingt man es zum peinlichsten Ernste, und verhindert so seine physische Ausbildung, und daher auch seine moralische für die ganze Zukunft.

Ohne es zu übertreiben, was hat das Kind denn wohl gelernt, wenn es 11, 12 Jahre alt ist? Außer Lesen und Schreiben (und das zwar meistens noch elend genug) hat es ein Stück Katechismus — im Kopfe, und nicht im Herzen. Sachen, die man ihm später ganz bequem in einem viertel Jahre beibringen kann, darüber sitzt es vielleicht sechs, acht Jahre in der schrecklichsten Sklaverei zum offenbaren Nachtheil seiner Laune und Gesundheit. Bei den Thieren weiß es der Mensch, daß er sie nicht zu frühe anspannen darf. Er läßt das Pferd nicht eher reiten, den Esel nicht eher tragen, bis sein Körper die gehörige Stärke hat; aber sein Sohn, der soll schon mit 4–5 Jahren ein Gelehrter seyn.

Wahre Papageienarbeit! So werden sie auch gerade abgerichtet. Wie kann der denken, dessen Denkmaschine noch nicht in Ordnung ist? Das Denken, wenn das Kind dazu gezwungen wird, thut seinem Gehirne den Dienst, den der Sack dem jungen Esel thut. Wie kann der Knabe (vorzüglich nach der gewöhnlichen Art zu unterrichten) Mathematik fassen, was faßt er von der Seelenlehre? Ich kenne Schulen, wo man die Kinder von 6 Jahren das lehrt, und ihnen Geographie, Heraldik und Numismatik etc. etc. in den Kauf gibt. — Wohl dem Jünglinge, der keine sogenannte gelehrte Erziehung genoß; der nicht schon in der Jugend, wie ein Mann behandelt, und — denn ein Kind in seinen männlichen Jahren wird; dessen Geist, nicht zu frühe angestrengt, alle die Energie behält, durch die er als Mann wirken kann!

Außer der unmittelbaren schädlichen Wirkung, die das zu frühe Anspannen auf das Gehirn hat, schadet schon dem Kinde das bloße Sitzen sehr am Wachsthum. Seine Brust wird durch das Ueberliegen verengt, und gibt dadurch zu Lungenkrankheiten Anlaß. Der Rückgrad wird verdreht, der Bauch zusammen gezogen, und wirkt daher sehr nachtheilig auf den Magen, und die übrigen Verdauungswerkzeuge. Erwachsene, die bei dem gänzlichen Mangel der Leibesübung immer lesen und schreiben, verlieren die Eßlust, haben Blähungen, bald Verstopfung, bald Bauchflüsse und mannichfaltige sogenannte Nervenzufälle; sie verlieren den Schlaf, und die Empfänglichkeit für das Vergnügen, sinken in tausend nagende Leidenschaften, und endlich überfällt sie die gefährlichste Feindinn des Lebens — die Schwermuth. Wie vielmehr muß das der Fall bei Kindern seyn, deren thierische Oekonomie schlechterdings stete Bewegung erfordert! Dazu kömmt noch, daß Arbeiten des Geistes vollends denn ermattend werden, wenn man sich ihnen (wie es der Fall in diesem Alter ist) mit Mißvergnügen unterzieht; Kinder, die natürlicher erzogen werden — sind daher im Gegentheil so gesund, so schön, und so glücklich[108]. —