Aber was soll man mit den Kindern in dem Alter machen, wo man sie gewöhnlich in die Schule schickt? Man soll sie unter Aufsicht herumspringen lassen, ihre Munterkeit und ihren fröhlichen Sinn nicht unterdrücken, und so ihrem Körper und ihrer Seele Zeit lassen, sich zu bilden[109]. Die Eltern schicken oft ihre Kinder frühe in die Schule, um sie aus dem Hause in Sicherheit zu wissen, bloß der Gemächlichkeit wegen; aber um den Eltern die Aufsicht über ihre Kinder zu erleichtern, sollen sie nicht eingesperrt werden; das kann und darf der Staat nicht erlauben.
Vor dem siebenten Jahre soll kein Kind in die Schule gehen[110]. Es soll bis dahin der Bewegung in freier Luft, dieser wesentlichen Bedingung zu seinem Wachsthum und seiner Gesundheit nicht beraubt seyn. Es soll dadurch stärker und gesünder, und daher auch empfänglicher für jeden wissenschaftlichen Eindruck werden. — Wenn es sieben Jahre alt ist; denn kann es anfangen auf eine spielende Art, die seinem Ideengange und seinen Geisteskräften angemessen ist, sich zu bilden. — Nie soll es über zwei Stunden des Tags in der Schule seyn. Sehr zweckmäßig würde es seyn, wenn man immer nur zur selbigen Stunde Kinder von den nämlichen Fähigkeiten und Kenntnissen vornähme. Man kann sie denn alle zu gleicher Zeit beschäftigen. Die Kinder haben denn nicht lange Weile, und ihre Aufmerksamkeit ist immer rege; bei der gewöhnlichen Art des Unterrichts wird ein Kind nach dem andern vorgenommen, und also doch bei dem langen Aufenthalt in der Schule nur eine viertel Stunde unterrichtet.
Der größte oder vielmehr der wahre Theil des Unterrichts soll ihnen eigentlich auf Spaziergängen und im gesellschaftlichen Umgange ertheilt werden. Der Lehrer soll ihnen da von allen Zweigen der Naturkunde historische Kenntnisse beibringen: sie werden denn eben so aufmerksam wie bei den Mährchen seyn, die sie so hungrig verschlingen; weil man ihre Neugierde mit nichts vernünftigem zu stillen sucht. — Man mache sie aufmerksam auf den gestirnten Himmel, auf die Meteore, auf die organische, und sogenannte unorganische Schöpfung, und man hat denn wahrlich mehr gethan, als wenn man die ganze Schule hätte Fracturschreiben und den ganzen Katechismus memoriren gelehrt. — Kopf und Herz ist denn in gleichem Grade bereichert worden. —
Alles Studium der Natur, wenn es der Würde unsres Geistes gemäß, und nicht zur Prahlerey (um allenfalls in einer Gesellschaft den Namen von bunten Thieren und Steinen hersagen zu können) getrieben wird, führt ja unvermerkt zum großen moralischen Zweck. Der Geist wird dabei unwillkührlich zu Vergleichungen hingerissen, und wer weiß nicht, wie sehr wichtig bei reiferm Alter diese Vergleichungen unsres Selbst und unsres Wirkungskreises mit den Begebenheiten in der Natur, die sich ohne unser Zuthun ereignen, für unsre Ruhe sind? Daraus wird für das Kind in der Folge einst ein eigener, nie versiegender Quell von Muth im Leiden, und von Trost im Tode, den ihm kein Glaubensstifter gegeben hat, und also auch kein Stifter von Unglauben nehmen kann.
Das Studium der Natur gewährt uns auch das reinste und edelste Vergnügen, ist die Mutter aller wahren Aufklärung, und der objektive Zweck, für den uns der Schöpfer mit Sinnen und Vernunft begabt hat. — O daß man es doch allgemein beherzigte, und dem öffentlichen Volks- und Kinderunterricht diese edle Richtung gäbe. Wie viel Unnützes, Unverständliches lernen unsre Kinder! Wie viel Zeit verschwendet man mit fremden Sprachen, die für Kinder nichts als Flitterstaat sind. — Natur und Muttersprache sey fast das einzige, was Kinder studieren sollen. Aber leider will mans noch nicht wissen, daß mit der Kultur der Sprache, und der Bekanntschaft mit der Sinnenwelt — die Vernunft selbst kultivirt wird, und der Geist des Menschen seine Bildung erhält.
Denn aber, um dies zu bewerkstelligen, müssen freilich die Schulmeister andere Leute seyn, als sie noch in manchen Gegenden jetzt sind. Unter ihnen muß es keine mehr geben, die wie jetzt die Namen: Campe, Salzmann, Villaume, Vogel, Basedow, Gutsmuths u.a. nicht einmal kennen, vielweniger ihre Verdienste.
Das Schulgebäude für die Kinder soll hoch, luftig und gesund seyn. Sie müssen nicht gegen das Licht sitzen, um nicht schielend zu werden; sie sollen auch keine Mäntel tragen, die in den meisten katholischen Provinzen Teutschlands noch immer Mode sind, die sie in der brennendsten Hitze (man sollte kaum glauben, daß man den Unsinn so weit treiben könnte) während der Schule den ganzen Tag umhangen müssen: der Mantel hat noch dabei den Nachtheil, daß man (was bei Kindern wichtig ist) nicht sehen kann, was darunter vorgeht.
Das große Versehen, das so oft, um den Geist des Fleißes bei Kindern zu wecken, begangen wird, besteht in der zu häufigen Anwendung gewaltsamer Maßregeln, wodurch man ihnen gleich zu Anfange Widerwillen beibringt. Mit Gewalt richtet man nichts aus. Geschickliches Benehmen, nicht Gewalt muß bei solchen Gelegenheiten angewandt werden.
Der Widerwille gegen Einschränkung, und die hartnäckige Beharrlichkeit, die Rechte einer gewissen persönlichen Unabhängigkeit zu behaupten, die den menschlichen Character in allen Verhältnissen des Lebens so stark bezeichnen, müssen mit großer Vorsicht und Geschicklichkeit von denen behandelt werden, die sich dem erhabnen Geschäfte der Erziehung widmen. — Bei der Anstellung von Schullehrer soll man sogar auf die Gesichtszüge und das äußere Wesen derselben Rücksicht nehmen. Beides ist von größerer Erheblichkeit, als sich diejenigen wohl vorstellen mögen, welche die Sache nicht aufmerksam betrachten. Das äußere Ansehen derer, welche bestimmt sind, Andern zu gebieten, ist eine Sache von Wichtigkeit; aber vorzüglich bei Kindern, bei denen man Liebe und Vertrauen erhalten will und soll.
Der Lehrer soll die Kinder unter keiner Bedingung schlagen dürfen; auch in dem Alter, wo man die Nahrung so nöthig hat, keine Fasten auflegen. Ich kenne noch lebende Beispiele, die einen kindischen Scherz mit dem Verluste ihrer Gesundheit auf immer bezahlen mußten. Das Schlagen an die Ohren, als der gelindeste Exekutionsgrad thut oft schon großen Schaden. Mehrere Aerzte haben Beispiele aufgezeichnet, daß Kinder durch die Brutalität ihrer Vorgesetzten die fallende Sucht u. s. w. bekamen. Wohlgerichtetes Ehrgefühl, das die Basis der ganzen Erziehung für den gesellschaftlichen Menschen ohne dies seyn muß, wird, wenn man es zu benutzen weiß, fast hinlänglich zur Belohnung und Strafe Stoff geben.