Die Kinder sollen in der Nachbarschaft der Schule Abtritte finden, und einzeln hingehen können, wenn sie es verlangen. Gesetzt denn auch; ein muthwilliger Knabe läuft einmal unnöthig hinaus: so ist das doch nichts gegen die Möglichkeit, daß man es einem Kinde, welches eines solchen Ortes wirklich bedarf, abschlagen könnte. Man soll die Kinder zur Sauberkeit anhalten, unreinliche Kinder aus der Schule verweisen, und dadurch die Eltern zwingen, auf ihre Reinlichkeit zu wachen. Auch sollen aussätzige, kranke Kinder nicht eher in die Schule gehen dürfen, bis sie geheilt sind. Außer denen, welche bestimmt sind, Gelehrte zu werden, brauchen die Kinder bei einem solchen Unterrichte meistens nicht länger, als höchstens drei Jahre lang die Schule zu besuchen.
Bei oder vielmehr vor einer solchen Bestimmung wäre es durchaus zweckmäßig des vortreflichen Gall’s encephalognomische Untersuchungen practisch anzuwenden, um nicht ferner zum Nachtheile des Staats und der Individuen Kinder zu einem Stande zu führen, zu dem ihnen die Natur die nöthigen Fähigkeiten und Neigungen ganz versagt hat.
Nachtheilige Handwerke, die dem Körper schaden, sollen die Kinder nie eher erlernen, bis sie ausgewachsen sind. Die Polizei sollte darauf sehen, daß kein Vater seinen Sohn Schmied, Schlosser u. s. w. werden lasse, bis er wenigstens sechzehn, oder siebenzehn Jahr alt ist. Die Kinder werden sonst Krüppel, erreichen nie ihr völliges Wachsthum, und werden selten ganz gesund. Aber vor diesem Alter soll man nicht bloß die Beschäftigungen den Kindern untersagen, welche große Anstrengungen erfodern, sondern auch solche, wie Schneider und ähnliche Gewerbe, wobei die Körper unnatürliche Stellungen annehmen müssen, und die Menschen ununterbrochen mit hinüberhangender Brust und zusammengezogenem Unterleibe angeschmiedet sitzen. Der Schade ist sonst zu groß, den dadurch die Gesundheit leidet. Wir sehen es daher dem Handwerker auf der Straße an, was er für ein Geschäft treibt.
Das alles muß nun natürlich um so ärger seyn; je früher das Kind angespornt wird, je schwächer noch seine Glieder, je zarter der Rückgrad und die Brust ist. Und das sollte dem Staate gleichgültig seyn, ob so viele seiner Bürger kränklich, elend werden? — Aus denselben Gründen sollen auch Mädchen nicht vor gänzlicher Ausbildung ihres Körpers zu solchen weiblichen Arbeiten angehalten werden, wobei sie immer sitzen, und in widernatürlichen Richtungen ihres Körpers bleiben müssen.
Gaukelspieler, Seiltänzer und alle diese gefährlichen Künstler, wobei die Kinder selbst noch, als Erwachsene Gefahr laufen, für ein paar Groschen, wo nicht den Hals, doch ihre Glieder zu zerbrechen, sollte man gar nicht dulden. Jeder, der mit so vieler Mühe eine Kunst erlernen will, wie es eine solche erfodert, dem wird es in keiner an seinem Unterhalt fehlen können. — Auch sollen die Knaben in früheren Jahren keine blasende Instrumente lernen. — Ueberhaupt treibt man mit dem Lernen der Musik oft Mißbrauch. Ich bin selbst sehr von ihrer Zauberkraft überzeugt; aber es ist doch ganz ungereimt, Kindern, die man in der Zukunft zu etwas ganz andrem bestimmt, ihre wenige freien Stunden zu nehmen, in denen sie sich für den Zwang, den man ihnen in der Schule anthut, schadlos halten könnten, und sie zu zwingen, nicht selten ein Drittel ihres Lebens mit unsäglicher Anstrengung auf etwas zu verwenden, was ihnen höchstens dazu dienen kann, sich in ihrem künftigen Berufe zuweilen eine müßige Viertelstunde zu vertreiben. Aber bei blasenden Instrumenten ist die Sache noch weit bedeutender. Die meisten erkaufen diese Kunst mit dem Verluste ihrer Gesundheit. Viele werden in früher Jugend schon asthmatisch, schwindsüchtig u. s. w. — Man werfe nur ja nicht ein, daß sie denn in dieser Kunst nicht so stark werden würden; denn was für ein Unglück wäre denn das in einem Lande, wenn die Leute allenfalls ein bischen weniger gut das Horn bliesen, als in dem benachbarten?
Daß die Popanzen und Schreckbilder, die von den Ammen bei den Kindern schon lange eingeführt sind, verbannt werden müssen; das habe ich wohl nicht nöthig zu erinnern. Der Wauwau der alten Griechen, der Knabenfresser der Römer und endlich der Pelznickel unsrer Zeiten sind unter aller Kritik, und da, wo sie nicht Krämpfe und die fallende Sucht machen, wie das sehr oft geschehen ist, jagen sie doch den Kindern unnöthigen Schrecken ein, und thun oft sehr großen moralischen Schaden; denn die Art Schlüsse liegt wohl sehr tief in der Natur des Menschen, daß der Erwachsene, wenn er sich überzeugt, daß seine Lehrer ihm in dem oder jenem Puncte Unwahrheiten sagten, auch das Zutrauen in andren Sachen, die er nicht einsehen kann, verliert; und daraus fließt ja selbst ein großer Schade für Religion und jede Wahrheit. — Man führe sie auch nicht zu Todten. Man glaubt ihnen da Stoff zu gottseligen und erbaulichen Betrachtungen, wozu sie wahrlich gar nicht aufgelegt sind, einzuflößen, und das Resultat ist doch nur Schrecken, Abscheu und Eckel aus Instinct, den die Natur allen Menschen vor Leichen einlegte, weil sie schaden können; und dabei ist auch zuweilen für die Kinder Gefahr der Ansteckung damit verbunden. — Man führe sie vor sieben bis acht Jahren eben so wenig bei starkem Gedränge zu Exekutionen etc. Soll ihnen so etwas Abscheu vor dem Laster machen, in einem Alter, wo man Tugenden und Laster nur, wie Papageien kennt, und wo sie, durch das Gewühl der Menschen noch leicht schaden nehmen können?
Man übe frühe die Sinne der Kinder, diese wachsamen, wohlthätigen Wächter, die uns die Natur zu unsrer Selbsterhaltung gab, die der mehr natürliche Mensch in so hoher Vollkommenheit besitzt. — Wir sind nicht Herr zu jeder Zeit über alle unsre Sinne. Bald kann uns der Geruch, ein andermal der Geschmack, zuweilen das Gesicht, und zuweilen das Gehör nicht helfen. Geschmack und Geruch gelangen durch natürlichere Diät zu ihrer größten Vollkommenheit. Gehör und Gesicht verbessern sich durch zweckmäßige Uebung; letzteres ist vorzüglich unsrer Aufmerksamkeit werth; da die Menschheit offenbar von dieser Seite eine merkliche Abnahme spürt. Die überhandnehmende Kurzsichtigkeit und Augenschwäche in den Städten ist leider! nicht mehr eine läppische Affectation fader Kleinmeister und eitler Mädchen; sie ist nur zu wahr, und hat vorzüglich darin ihren Grund, daß man die Kinder in den ersten Jahren fast immer in den Stuben eingeschlossen hält, wodurch das Auge, das nichts, als nahe Gegenstände sieht, sich auch bloß für die Nähe organisirt, und am Ende ganz das Vermögen verliert, den Focus entfernter Gegenstände gehörig zu formiren. Das beste Mittel, diesem so sichtbar zunehmenden Uebel zu steuren, ist gleich von Anfang frühzeitiger und täglicher Aufenthalt im Freien; dadurch verschafft man den Kindern einen weiten Gesichtskreis, schärft ihre Sehkraft, und legt einen dauerhaften Grund zu guten, weit sehenden Augen; daher haben die Landleute, und vorzüglich Jäger und Schiffer so vorzüglich gute Augen. —
Besonders aber sollten Erzieher darauf sehen, das Gefühl ihrer Zöglinge zu verfeinern; denn das Gefühl ist unsre beständige Wache, die über unsre ganze Oberfläche ausgebreitet ist, die bei der geringsten Gefahr durch Schmerz uns warnet, daß etwas da ist, was unsrem Ich nachtheilig seyn kann. Dies sehen wir vorzüglich an den Menschen, welche ihre Lage, ihr Unglück zwang diesen Sinn zu verfeinern. Die Blinden z. B. können oft Farben unterscheiden bloß durchs Gefühl. Warum denken wir also nicht mit Ernst darauf, diesen Sinn in hohem Grade bei unsren Zöglingen zu üben, da wir alle fast die Hälfte des Lebens blind sind? Wir sind, sagt Rousseau, beim Tage die Führer der Blinden, und bei der Nacht sind sie die unsrigen. Wir können des Nachts, wenn wir in einem dunklen Zimmer sind, durch den leisen Zug der Luft fühlen, ob und wo eine Thüre oder ein Fenster offen ist, wir fühlen auf einem Schiffe bei der Nacht durch den leisen Zug der Luft, welche Richtung es geht, ob es schnell oder langsam fortgetrieben wird. Wir fühlen, ob sich bei der Nacht ein Gegenstand unserm Körper nähert, oder sich von ihm entfernt. Wir können also ohne Hände, ohne Stock bloß durch Uebung viel fühlen, und haben manchen Vortheil durch diesen Sinn denn, wenn die übrigen uns nichts früchten; da wir aber das nicht bei Tage lernen können, weil uns denn unwillkürlich die andren Sinne zu Hilfe kommen, und uns wider unsren Willen zerstreuen; so ist das ein wichtiger Grund, der uns die Nachtspiele der Kinder empfehlen muß. Man gewöhne die Kinder oft unter vernünftiger Aufsicht des Nachts zu spielen; dies hat in vieler Rücksicht manches Gute. Die Ammen mögen freilich vielen Antheil an der Furcht haben, die viele Menschen Nachts so sehr ängstigt. Allein unsre Unbehaglichkeit bei der Nacht kömmt nicht von ihnen allein her. Es ist Instinct; denn die Nacht erschreckt auch Thiere, wie wir vorzüglich bei großen Finsternissen sehr auffallend bemerken können. — Was den Pöbel abergläubisch, und den Tauben mißtrauisch macht, das macht uns bei der Nacht furchtsam, nämlich: das Nichtwissen, was um uns vorgeht. Die Natur gab uns beim Tage die Augen zur Wache; wir können denn in weiter Entfernung schon Körper sehen, die uns schaden können; das ist nicht der Fall im dunkeln; daher verdoppeln jetzt die andern Sinne ihre Aufmerksamkeit. Wir sind immer gespannt, ob etwas rauscht, weil wir gewohnt sind, daß die meisten Körper, ehe sie uns schaden können, mehr oder weniger Geräusch machen. — Aber wir fürchten, daß es Körper gibt, die uns Gefahr bringen können, ohne Lärmen zu machen: daher unsre Aengstlichkeit; daher unsre geschäftige Einbildungskraft. Gewohnheit ist auch hier das Universalmittel. Die Gewohnheit macht, daß es dem Dachdecker auf der Spitze des Thurms nicht mehr schwindelt, daß dem alten Soldaten das Blut kalt bleibet beim Krachen der Kanonen, wobei er als Rekrut zitterte: so ist auch, um uns vor Geistersehen und Gespenster zu schützen, die Gewohnheit in der Nacht zu gehen, das beste Mittel; denn nicht immer sind die abendtheuerlichen schreckbaren Figuren in der Nacht ein Werk der Phantasie[111]. Sie sind sehr oft wirklich in unsren Augen. Wir können im Dunkeln nicht anders von Gegenständen urtheilen, als durch die Größe des Sehewinkels, den der Gegenstand mit unserm Auge macht. Wir können daher nicht alle die Hilfsmittel zur Hand nehmen, die uns durch die Erfahrung am hellen Tage leiten. Wir schließen denn oft, wenn wir zu sehen glauben. Wir sehen daher einen nahen Strauch für einen entfernten Baum an, einen weit wegstehenden Ochsen für einen nahen Hund und umgekehrt. Nur erst denn, wenn uns hier wieder unsre Erfahrung zu Hilfe kommen kann, berichtigen wir unsern Irrthum. Wenn wir an irgend einer Bewegung sehen, daß der Ochs ein Ochs ist; so machen wir unsren Fehler wieder gut. Wir urtheilen denn nicht mehr durch die Größe des Sehewinkels, und wir sehen ihn denn in seiner völligen Größe und Dicke. Gesetzt aber nun, wir sehen einen entfernten Baum für eine menschenähnliche Gestalt an; so muß diese natürlich bei jedem Schritte, mit dem wir uns ihm nähern, wachsen; sie wird denn zur ungeheuren Figur, selbst noch ohne die Einwirkung der Phantasie. Sucht man sich nun nicht durch das Gefühl oder ein sonstiges Hilfsmittel den Irrthum zu benehmen; so hat man wirklich die kolossalische Figur im Auge. Man hat sie gesehen, und nur denn erst wird man seinen Fehler gut machen; wenn man seine gewöhnlichen Hilfsmittel zur Hand genommen hat, wodurch man sieht, daß der Baum ein Baum war. In demselben Augenblicke sind die riesenförmigen Arme, die uns so viel Furcht machten, Aeste geworden; die großen hellen Augen sind vielleicht der durchscheinende Mond u. s. w.
Man lasse also die Kinder oft des Nachts spielen, sie werden denn nicht bloß durch Gewohnheit die natürliche Furcht ablegen, sie werden sich auch andere Hilfsmittel abstrahiren, wodurch sie vor diesem optischen Betrug geschützt werden; die Ammengeschichten werden ihren Zweck ganz verfehlen, und die Kinder sind völlig sicher vor den Folgen, die diese nur zu oft haben, — und wovon selbst Philosophen bei der besten Ueberzeugung zuweilen noch leise Anregungen fühlen[112].