Von den gymnastischen Uebungen.
Die Sache, wovon in diesem Kapitel die Rede seyn wird, ist so unbekannt geworden, daß Manche es für Schwärmerey der Aerzte halten; wenn sie zuweilen ihre Stimme darüber erheben. Dieser Punkt ist aber so wichtig, daß es nach meiner Ueberzeugung von ihm größtentheils abhangen wird, ob wir von dem Abgrunde, an dessen Rande wir stehen, gerettet werden können oder nicht. Wir sind der völligen Ausartung äußerst nahe. — Wir haben ja fast keine Männer mehr. — Eitel unbärtige Greise sind die Enkel derer, die Roms Legionen oft so nachdrucksvoll in ihrer Heimath empfingen.
Weichlichkeit, Vorurtheile (die wir Cultur nennen) und vorzüglich gänzlicher Mangel an Bewegung brachten uns allmählig dahin — wo wir jetzt sind. Bewegung ist bei gesitteten Ständen ganz verbannt; daher denn auch überall Schnupfen und Catharren, wenn sich nur eine Viertelstunde ein rauher Wind erhebt — Jetzt ist es schon eine Riesenarbeit für unsre Damen du bon ton, eine halbe Stunde weit zu gehen. Außer Athem sind sie schon; wenn sie eine Gasse lang gegen den Wind gegangen sind. Aber worinn besteht denn auch ihre gewöhnliche Bewegung? Die Etikette erlaubt sie ihnen weiter nicht, als vom Toilette aufs Canapee und von da zum Spieltische. — Zu Fuß im Garten herum zu gehen, das hat schon mancherlei Inconvenienzen. Im Sommer macht die Sonne die Haut braun; im Frühlinge gibt’s gar Sommerflecken. Und wahrlich (als wenn die Mode hierinn hätte consequent seyn wollen) das Kostüme unsrer Weiber ist so eingerichtet, daß sie froh seyn müssen, wenn sie still sitzen können. An ihre Füße legte sie einen weit sicherern Hüter, als die Beinschellen der Gefangenen, nemlich: — die Schuhe. Kräftigere Mittel um alle Bewegung zu verhindern konnte die Mode nicht erfinden, und — sie hat auch vollkommen ihren Zweck erreicht. Die ganze Arbeit unsrer zimperlichen Dinger besteht beinahe bloß im Lesen scandalöser Geschichten, Liebes- und Ritterromane, in welchen durchaus nicht der Geist der Natureinfalt, und der Sittlichkeit wehet; die vielmehr dahin zielen, Leidenschaften aller Art emporzutreiben, und die Phantasie mit den üppigsten Bildern zu füllen.
Unsäglich ist das Unheil, was diese Schriften über unsre Generation verbreiten! Laßt ein Mädchen noch so gut erzogen seyn, gebt ihm die besten Grundsätze, bepanzert es um und um mit allem, was die Tugend Ehrwürdiges hat; — erlaubt ihm aber dabei diese fatalen Schriften, wo alles so hübsch und glatt dargestellt wird, als wenn es gedrechselt wäre, wo vernünftiges Zureden Tiranney; Verrückung, oder Schwachheit des Kopfs und des Herzens Leiden heißt, wo die Helden des Romans von reiner Liebe schwätzen, bis — das Fräulein im Kindbett liegt, (welches denn natürlich, wie es auch seyn muß, auf Rechnung des armen, gequälten, weichen, liebevollen Herzens geschrieben wird), und dann läßt das gute Kind mit einem Pastore fido zuweilen ein tête à tête machen: ihr werdet erstaunen, wie geschwind sie sich lieben werden, und die Demoiselle eine H... wird. — Und kann das wohl anders seyn? Denn wo ist das Mädchen, das nicht durch diese Schriften verdorben wird, dessen Blut nicht bei der Schilderung aller der Albernheiten in Wallung geräth, das sich nicht die Welt in der That so vorstellt, wie sie der Herr Tollhäusler in seinem Raritätenkästchen zeigt.
Allgewaltiges, obgleich schwaches Geschöpf! Was vermag nicht alles dein, zwar unmerklicher, aber sicherer Einfluß auf den Mann, und durch den Mann auf das gesammte Glück des gemeinen Wesens! Wie die Mutter, so der Sohn, der die ersten durch keine nachherige Erziehung jemals wieder ganz auszutilgenden Eindrücke zum Guten und Bösen von ihr erhält. Selbst der schon gereifte Mann, was ist er, sobald er durch eheliche Bande mit dem Weibe seines Herzens verbunden ist! Fast immer sind seine Launen, die fortschreitende Veredlung und Verschlimmerung seines Characters ihr Werk.
Wenn man es dem andern Geschlechte doch recht an’s Herz zu legen vermöchte, daß von seinem Betragen das Glück der Nationen in die Zukunft größtentheils abhangen wird, und daß eine gute Mutter in ihrem stillen häuslichen Kreise die Blume der Schöpfung, und der Segen der ganzen Nachkommenschaft ist.