Mit den Männern ist es noch nicht ganz so weit gekommen, aber wahrlich doch auch sehr viel weiter, als es je hätte kommen sollen. Die Erziehung der Gallier, und vorzüglich der alten Deutschen, war hart, und den Absichten des Krieges gemäß. Weichlichkeit und Verzärtelung kannte man nicht[113]. Ihr ganzes Leben war, wie J. Cäsar sagt, der Jagd und den kriegerischen Uebungen gewidmet. Von Kindheit an legten sie sich auf Arbeit und Abhärtung ihrer Leiber. Die Jünglinge beschäftigten sich mit Erlegung der Auerochsen. Wer die mehrsten von diesen erlegte, der trug die Hörner der getödteten Thiere vors Volk, und ärndtete denn den verdienten Beifall. — Wie ist es jetzt? Sind wir nicht unbeschreiblich tief herabgekommen? Sind wir Europäer insgesammt nicht die schwächsten Menschen? Grönländer und Irokesen tragen ihren Kahn, wie einen Brodsack. Die Einwohner von Kanada jagen einen Hirsch zu Fuß fünfzig Meilen weit, ermüden ihn und schlagen ihn todt. — Die Neger nehmen ihren Mann auf den Arm, und laufen mit ihm eine Meile weit in einem Athem. —

Unsre Cultur kostet uns sehr viel! Wir haben unsre Köpfe auf Kosten unsrer Gesundheit und unsrer Ruhe bereichert. Wir haben unsren Körper ganz vernachlässigt, indem wir nur immer Vervollkommnung unsres Geistes bezweckten; daher ist denn der auch durch seinen nothwendigen Zusammenhang kränklich und — krampfig geworden. Mancher Hypothese sehen wir es ja wahrlich an, daß die Seele ihres Schöpfers in dem Augenblicke ihrer Entstehung an Vapeurs gelitten hat.

Bewegung war der Hauptgrundsatz, auf dem die Auferziehung der Spartaner beruhte. Die Griechen insgesammt hielten die Leibesübungen sehr hoch, und sie wußten selbst die Seelen ihrer Kinder nach gleichen Regeln zur Tugend zu bilden. Plato räth, um die Gesundheit zu unterhalten, daß man die Seele nicht ohne den Körper, und den Körper nicht ohne die Seele übe, damit durch die darausfließende Uebereinstimmung der Kräfte von beiden auch beide gesund bleiben. — In der Jugend, wo die Natur jeden Augenblick jedes Glied bewegt; da werden wir durch zweckmäßige Unterstützung dem Körper des Kindes die Ausbildung geben können, die es als gesunder Mensch bedarf. Durch den Gebrauch unsrer Glieder erhalten diese erst ihre gehörige Form, ihre Stärke. — Der Arm, den wir am meisten brauchen, wird am dickesten, und hat die meisten Kräfte. Man fange also die gymnastischen Uebungen wieder an, die so lange vernachlässigt waren, die ehemals bei den Griechen und Römern, ehe sie, wie wir jetzt, sich der Weichlichkeit und Wollust überließen, so sehr im Schwange waren. Galen hielt schon den für den besten Arzt, den man für den besten Lehrer in der Gymnastik halten könnte. Man sollte daher wieder eigne Meister in jedem Orte für Knaben und Mädchen halten, die jedes Alter die ihm passenden Spiele lehrten, und unter ihrer unmittelbaren Aufsicht ausüben ließen. Lycurgus suchte schon die Körper der Mädchen durch Wettlaufen, Ringen, Spießwerfen und Bogenschießen in immerwährender Bewegung zu erhalten, „damit der Keim zukünftiger Geschlechter festere Wurzel schlagen, und durch Stärke des Körpers gegen die Schmerzen der Geburt abgehärtet werde.“ — Auch werden die gymnastischen Uebungen kräftig mitwirken den zu frühen Geschlechtstrieb abzuhalten, und dem schrecklichen Laster, das so unübersehbar viel Unheil stiftet, — der Onanie, Einhalt zu thun.

Die kleinsten Knaben kann man schon um die Wette laufen, Ringen, Ballspielen und nach dem Ziele werfen lassen. Das stärkt Auge, Arm und Brust. Sie erhalten dabei einen richtigen Blick, um über die Entfernung urtheilen zu können, was wirklich bei mancher Gelegenheit ihnen zu Statten kömmt. Bei etwas ältern Knaben sind Kegelschieben, Bogenschießen und Schlittschuhlaufen sehr zweckmäßige Bewegungen. — Knaben von zehen Jahren können schon exerziren lernen; eine Uebung, die sehr viel gesundes hat, wobei sich jedes Glied bewegt, und wobei der Staat noch den Vortheil erhält, daß er für jeden Fall geübte Krieger findet. — Um diese Zeit müssen sie auch schon anfangen, Bäume zu erklettern und Mauern zu ersteigen. Kein Thier ist fast dazu so gemacht, wie der Mensch. Sein in die Höhe gerichteter Körper, sein nach vorn biegsames Kniegelenk, seine nach allen Richtungen beweglichen Finger und Zehen helfen ihm dazu sehr kräftig. Unglücke braucht man eben nicht zu fürchten; denn diese entstehen meist deswegen, weil die, welche es versuchen, gar keine Uebung und Gewandtheit in derley körperlichen Bewegungen haben. Sehr selten hört man auf dem Lande ein Unglück bei Kindern, die doch bekanntlich aus Vergnügen, der Vögel und des Obstes wegen, täglich auf Bäume klettern. Diese Uebungen müssen aber nicht allenfalls wöchentlich eine Stunde, sondern alle Tage vorgenommen werden; sonst verfehlt man seinen Zweck. Dabei soll ein vernünftiger Aufseher immer gegenwärtig seyn, damit zu gefährliche und die Kräfte des Alters übersteigende Spiele verhütet werden.

Schwimmen sollen alle Knaben, ohne Unterschied, lernen; wenn sie vierzehn Jahre alt sind. Man soll sie im Sommer an solche Stellen in den benachbarten Fluß führen, welche hinreichend den Tag hindurch der Sonne ausgesetzt waren, und wo also das Wasser nicht zu kalt ist. Man soll ordentliche Schwimmschulen errichten, so wie man bisher nur — Tanz- und Fechtschulen hat. Aber die Knaben müssen nicht bloß auf die gewöhnliche Art schwimmen, sondern bald mit, bald ohne Kleider, und wenn ihre Kräfte groß genug sind, selbst über Untiefen, und reißende Ströme. — Wie wichtig das vorzüglich für Soldaten seyn muß, fällt von selbst in die Augen. Julius Cäsar schwamm nicht selten mit seinen Kriegern über reissende Flüsse. Und ich begreife nicht, warum man diese Kunst bei Armeen nicht lange eingeführt hat, die gewiß auf die ganze Kriegskunst einen wichtigen Einfluß haben würde. —

Das Fechten ist auch eine sehr gute Bewegung, aber nur für erwachsene Knaben. Das Tanzen paßt für Kinder beiderley Geschlechts. Nur sollte die alberne Sitte abgeschafft werden, Bälle mitten in der Nacht zu halten. Man sollte (wie bei uns am Rheine die Landleute zu thun pflegen) unter freiem Himmel, unter schattigen Bäumen tanzen; die Luft würde denn nicht verderben. Man würde sich nicht zu sehr erhitzen, und daher nicht so leicht erkälten können. Der Tanz stärkt die Glieder, macht sie biegsam und zu allen Arten von Bewegungen geschickt. Nur deswegen macht das Tanzen manchen krank, Blutspeien und schwindsüchtig; weil es zu selten und daher übertrieben geschieht.

Um den Hang zu Leibsbewegungen in jedem Alter zu unterhalten, sollte man an allen öffentlichen Orten für die Jahrszeit und für jedes Alter angemessene Spiele finden[114]. Auch Reiten gehört hieher, aber dies erfordert zu viele Kosten, als daß es von vielen geübt werden könnte; doch müßte dafür gesorgt werden, daß man nicht denen, die es üben wollen (wie bis hierher oft geschieht) Miethpferde leiht, die solche wesentlichen Fehler haben, daß selbst geübte Reiter nicht selten ihr Leben dabei in Gefahr stellen.

Uebrigens braucht man bei diesen Spielen die Kinder nicht so ängstlich zu verwahren. Ob sie z. B. an feuchten Orten sitzen, oder an trocknen, ob ihre Füße naß werden, oder kalt, das gilt gleich. Sie müssen sich daran gewöhnen. Durch die Macht der Gewohnheit können die Bewohner von Arabien barfuß in den brennenden Sandwüsten gehen; wo unsre Reisenden es kaum mit Stiefeln auszuhalten vermögen. Die Gewohnheit macht, daß der Russe aus dem warmen Bade in den frierenden Fluß springen kann; daß die gesunden Knaben unsrer Bauern mit bloßem Kopfe und fast nackend in den Gassen laufen; wenn wir in Winterkleidern vor Kälte zittern. Ganze Nationen ertragen die plötzlichsten und stärksten Veränderungen des Wärmegrads der Luft ohne Nachtheil. Z. B. in Neuholland und auf der Norfolks Insel, wo das Clima sehr gesund ist[115], und die Bevölkerung begünstigt, obschon das Thermometer nicht selten des Morgens 56 bis 60, einige Stunden nachher 100 bis 200, und nach Sonnen Untergang wieder 60° zeigt. Warum sollen denn unsre Kinder sich nicht an ein bischen Nässe oder Kälte gewöhnen können, was doch in der Folge ihres Lebens oft nicht zu vermeiden ist. — Auch thut man Unrecht, daß man Kinder, die physisch gut erzogen werden, ganz ängstlich von dem Trinken abhalten will, wenn sie warm sind. Freilich unsre Schwächlinge, die wir mit so vieler Sorgfalt zu Spitalcanditaten erziehen, werden üble Folgen davon haben; aber diejenigen, welche sich dem natürlichen Zustande bei ihrer Erziehung mehr nähern, können auch diesen Instinct ohne Gefahr befriedigen. Warum haben nicht andre Thiere üble Folgen davon? Der Hund, wenn er erhitzt ist, trinkt, aber wie ich sehr oft bemerkte, von Anfang mit kurz abgebrochenen Zügen; das wird höchstwahrscheinlich der natürliche Mensch auch thun. Das Kind mag aus einem benachbarten Bache oder Fluße trinken, der mit der Luft, worin es sich erhitzte, ungefähr dieselbige Temperatur hat; und wenn es das auch nicht so ganz genau in Acht nimmt; so kann der Schaden doch meines Erachtens nicht groß seyn. Wer gibt in diesem Punkte auf unsre Bauernkinder acht, die Tage lang in der brennendsten Sonnenhitze sich herumtummeln? Wie selten hört man bei ihnen von üblen Folgen! Wer gibt wohl den Negern auf der Küste von Guinea hierin Gesundsheitsregeln? Wie kann auch ein Instinct dem natürlichen Menschen Schaden bringen? Daß man unsren Kindern vor dem Trinken zu essen anräth, ist äußerst ungereimt. Weiß denn die Natur vielleicht nicht, was sie will, daß wir ihnen zu essen befehlen, wenn es ihnen dürstet? Wir können ja unsre an die Abwechslung der Temperatur gewohnte Gesichter und Hände bei der größten Hitze ohne Schaden ins Wasser stecken! — Da wir alles zu Gesicht machen können, warum sollten wir nicht auch (möchte ich sagen) unsern Magen zu Gesicht machen können?