Aber dem unerachtet muß bei dem Schicken aufs Land Manches ganz genau beobachtet werden, wenn man nicht seinen Zweck verfehlen will. Man muß die Kinder nicht weiter vom Institute schicken, als eine Tagreise beträgt; weil sie sonst durch die Reise zu viel leiden: und es ist nun einmal so mit den Instituten, der Stifter mag noch so viel Eifer für die Vollkommenheit seiner Stiftung haben, er mag die Reise noch so pünctlich, und gesund anordnen; nach dreyßig Jahren werden die Aufseher die Kinder allenfalls einem Fuhrmanne mitgeben, der sie dann nach seiner Bequemlichkeit, wie und wann er will, als Kaufmannswaare abgeben wird. Eine weitere Entfernung ist auch in Rücksicht der Verbindung zwischen dem Findlinge, und dem Hause schon unzweckmäßig.
Das Kind muß (wenn kein medicinischer Gegengrund eintritt, bei dem der Arzt der Gegend allein, und zwar schriftlich mit angeführten Gründen dispensiren darf) anderthalb Jahr die Brust seiner Amme trinken; und damit es, und zugleich die Amme während der ganzen Zeit seines Aufenthalts, unter gehöriger Aufsicht sey, so müssen die Verwalter in den Orten, wo sich Findlinge befinden, sie der Oberaufsicht eines rechtschaffenen Mannes übergeben. Es gibt ja doch der guten Menschen noch viele, die Vormundschaften Und andre beschwerlichen Geschäfte zum Wohl der Unmündigen annehmen; es wird sich daher gewiß auch überall jemand finden, der sich den Findling die Woche ein paarmal zeigen läßt, und dafür sorgt, daß das, was das Institut vorschreibt, an dem Kinde geschieht. — Ueberhaupt ist dieser Punct leicht zu berichtigen. Es gibt in jedem Orte, vorzüglich in den kleinen Landstädtchen, so viele gutherzige Müßiggänger, die aus Mangel an Beschäftigung Neuigkeiten in jedem Hause umtauschen, und sich ein Vergnügen daraus machen würden, (wenn der Staat sie nur bemerkt) so etwas sehr pünctlich zu verrichten. —
Die Findlinge sind aber auch oft venerisch, wovon sich manchmal erst nach einigen Wochen, und später, die Spuren zeigen. Gibt man nun sogleich das gefundene Kind einer Amme nach Hause; so kann man leicht Schuld daran seyn, daß diese (vielleicht mit mehrern eignen Kindern) auch angesteckt werde! Ich glaube, daß man es dennoch kühn wagen darf, wenn man nur folgende Vorsorge dabei trifft; man nimmt ein Glas mit einem doppelten Boden, wovon der untere so concav ist, daß die Brust gewissermaßen hineinpaßt. In seiner Mitte ist eine kleine Oeffnung, um die Warze hinein zu lassen. Die beiden Böden stehen ungefähr zwey Zoll weit überall von einander ab. Oben an dem convexen Boden nicht weit vom Rande ist eine Oeffnung, worin eine biegsame pickelsche Röhre befestigt ist, die die Länge hat, daß die Amme das Mundstück bequem in den Mund nehmen kann. In der Mitte dieses Bodens ist eine andre Oeffnung, worin sich eine gebogene gläserne Röhre befindet, die in dem Zwischenraume zwischen den beiden Böden bis beinahe unten an den Rand reicht, und höchstens anderthalb Linie im Durchmesser hat. An dieser Röhre ist ein eben so durchbohrtes kleines Stück Elfenbein befestigt, das sich in einen kleinen Knopf endigt, der mit einigen feinen Löchern durchbohrt, und dann mit Leder überzogen ist. Zwischen dieser künstlichen Warze, und dem Glase ist in dem Stückchen Elfenbein ein kleiner Krahn, um die Verbindung mit der Brust herzustellen oder zu verhindern. Wenn die Amme nun dem Kinde zu trinken geben will; so macht sie den kleinen Krahn zu, und säugt an der obern Röhre. Sie sieht nun, wie viel Milch in dieses Glas fließt, und hört auf, wenn sie glaubt, daß es genug sey; sie öffnet denn den Krahn, und läßt das Kind an der künstlichen Warze trinken. Sie sieht hier genau, wie viel das Kind trinkt; sie läuft auch keine Gefahr angesteckt zu werden; da sie nie mit ihm in unmittelbare Verbindung kömmt, und sie kann diese ganze Vorrichtung immer ohne Mühe recht rein halten.
Mit einer solchen künstlichen Brust soll nun jeder Findling wenigstens fünf bis sechs Wochen gestillt werden, damit man sieht, ob er angesteckt ist; ist er das nicht: so kann jetzt die Amme ihn ohne diese Vorrichtung stillen. — Ist er angesteckt; so muß ihn der Arzt der Gegend behandlen.
Um aber die wohlthätige Wirkung eines solchen Hauses noch zu vergrößern, sollte man die Einrichtung treffen, daß jede unglückliche Mutter wenigstens vier bis sechs Wochen vor ihrer Entbindung schon da seyn und dort niederkommen dürfte. Der Staat würde dadurch verhüten, daß nicht manche Unglückliche mit ihrem Kinde wegen Mangel und Elend nach der Niederkunft umkäme. Er würde einem solchen Findlinge mehr, als seine Amme, er würde ihm — seine Mutter zum Stillen geben können. Nach der Geburt müßte sie mit ihrem Kinde heraus, und der Fond müßte ihr monatlich etwas geben, um die Amme ihres Säuglings zu werden. Stirbt ihr Kind; so weiß der Arzt des Instituts, ob er sie dem Publicum als eine taugliche Amme empfehlen kann. Unter diesen ankommenden Gebährenden sind auch venerische; diese müssen ihre Kinder selbst stillen, und dabei, wenn die Zahl nicht gar zu groß ist, die Kinder unter sich vertheilen, die von dem Arzte bei ihrer Ankunft für angesteckt gehalten werden; denn das ist ja ohne dies einer der sichersten Wege, durch welchen man diese unglücklichen Kinder heilen kann.
Nach vier Jahren soll der Findling in das Erziehungshaus zurück. Nun ist er der gemeinschaftlichen Erziehung fähig geworden. Die Hauptepoche, wo die Mortalität der Kinder so groß ist, ist jetzt vorüber. — Wenn die Macht des Beispiels unwiderstehlich ist, die Kinder zu verführen und sie zu schlechten Menschen zu machen; so ist sie nicht minder wirksam, sie gutmüthig, gelehrig und fleißig zu machen; daher bin ich sehr dafür, daß in diesem Zeitpuncte die Findlinge in einer öffentlichen Anstalt vereinigt leben; wo es so leicht zu machen ist, daß Alles ungezwungene Heiterkeit und gefälligen Frohsinn athmet, daß überall ein zufriedenes, genügliches Wesen herrscht. Daher soll er nicht, wie an den meisten Orten der Fall ist, seine ganze Zeit unter immerwährendem Bethen, Singen und in die Schule Gehen zubringen. Auch der Findling soll natürlich erzogen werden. Die Bewegung, diese wesentliche Bedingung zur Gesundheit des Kindes, darf ihm hier nicht fehlen. Er soll rauh, brauchbar für den Staat; aber nicht grausam, nicht sclavisch erzogen werden. Seine Kleidung soll aus wohlfeilem Zeuge bestehen; sie muß aber so eingerichtet seyn, daß Kopf, Brust, Arme und Füße unbedeckt bleiben.
Vorzüglich sehe man in einem solchen Institut auf Reinlichkeit, und sorge dafür, daß in Rücksicht des Badens u. s. w. alles das pünctlich beobachtet werde, was oben gesagt worden ist; denn werden gewiß die garstigen und den Findlingshäusern eignen Hautkrankheiten diese Unglücklichen nicht mehr verunstalten und elend machen.
Viermal des Tags müssen solche Kinder essen. Die Kost kann wohlfeil und doch gesund seyn. Ich glaube, der Vorschlag, den ich schon vor mehrern Jahren machte[124], bei Armeen im Felde die tablettes de bouillon (aus Knochen bereitet) einzuführen, würde auch hier ganz anwendbar seyn. Man wirft so viele Knochen in jeder Stadt weg, die, gehörig benutzt, alle Armen desselben Ortes hinreichend ernähren könnten. Wie leicht würde also Findlingen eben derselbe Bestandtheil aus den Knochen zu gesunder Nahrung gegeben werden können, den man gewöhnlich nur im Fleisch zu finden glaubt, besonders wenn man die nun in ganz Europa bekannten Rumford’schen Suppen zugleich damit verbände[125].
Der Unterricht soll ihnen in faßlicher Sprache ertheilt werden, und vorzüglich Bildung des Herzens betreffen. Vor allem soll man sich bestreben, ihnen einzuprägen, was jederman und vorzüglich der Findling dem Vaterlande schuldig ist. Lesen und Schreiben ist von dem ganzen wissenschaftlichem Krame alles, was sie zu wissen nöthig haben. Die übrige Zeit sollen die Kleinern unter Aufsicht der Vorgesetzten in einem freien, offnen Platze sich balgen, spielen und ihre Glieder üben. Und bricht denn auch zuweilen einer, was doch sehr selten geschehen wird, einen Arm oder ein Bein; so ist doch bei weitem dieser Schade nicht so groß, als wenn man, um solches sicher zu verhüten, sie alle so erzieht, daß keiner in der Folge einen Arm oder ein Bein — zu brauchen weiß. —