Wenn sie zwölf Jahre alt sind; so kann man allmählig anfangen, sie arbeiten zu lassen. Im Menschen liegt aber, wie nicht zu läugnen ist, ein natürlicher Hang zur Faulheit, und Unthätigkeit; und obgleich die Gewöhnung zum Fleiße, wie alle Gewohnheiten, die Uebung desselben leicht und angenehm macht, so mühevoll und beschwerlich sie anfänglich auch war; so wählt doch niemand in keinerlei Verhältniß die Arbeit um ihrer Selbstwillen. Immer nur die Furcht vor einem größern Uebel oder die Hoffnung eines angenehmen Genusses locket, oder treibt die Menschen an, wenn sie sich mit anstrengenden Geschäften befassen. Diese nicht zu bezweifelnde Wahrheit halte man also ja stets vor Augen, wenn man den Kindern Lust zur Arbeit beibringen will!

Es ist ein großer Fehler, daß man diese Kinder meist immer zu ungesunden Handwerken und Fabriken bestimmt. Warum sollen sie nicht (Knaben und Mädchen) den Bauernstand recrutiren? Dieser Stand nimmt (so wichtig er auch ist) doch alle Jahre ab, weil unsre Bauern nur zu oft die armselige Ambition haben, ihre Söhne — Gelehrte, oder Handwerker u. s. w. werden zu lassen; da im Gegentheil kein andrer Stand seine Kinder zu Bauern macht. Ueberdies sind unsre Landleute keine Schäfer mehr; ihr Leben ist kein Schäferleben! In manchem Winkel der Erde sind sie aus eigner oder fremder Schuld so verdorben, daß es durchaus nicht anders, als vortheilhaft seyn kann, wenn man ihnen öfter moralisch- und physischgute Menschen zumischt. Auch gibt es ja noch in jedem Lande so viele nicht ganz bebaute Gegenden, daß man wahrlich dort der arbeitenden Hände noch lange nicht zu viel hat.

Doch müssen auch natürlich die Findlinge die ersten seyn, die Soldaten werden, wenn ihr Vaterland sie braucht; denn nicht bloß die reichere Klasse, sondern die Städter überhaupt suchen sich ohnedies dieser wichtigen, aber freilich schweren Pflicht immer mehr und mehr zu entziehen, obschon erstere natürlich weit mehr zur Vertheidigung ihres Vaterlands beizutragen schuldig sind. Der Enthusiasmus für das allgemeine Wohl ist in den Städten mitten unter den Künsten in manchen Gegenden beinahe ganz verloschen. Daran war bis hieher zuverlässig unsre schlechte, weichliche Erziehung Schuld. — Es ist aber deswegen sehr nöthig, Zuneigung für diesen unentbehrlichen Stand in den Herzen der Jugend anzufachen, und das wird vorzüglich gut bei Findlingen Statt haben. — Das, was so manchen von der Vertheidigung des Vaterlandes zurückzieht, ist ein weichlicher, verzärtelter Körper, Hang zur Familie und zum väterlichen Hause; das alles fällt hier ganz weg. Der Findling ist gesund erzogen; sein Körper ist daher dauerhaft und stark, und sein Vater und Mutter — sind das Vaterland. Er wird also durch seine bessere physische und moralische Erziehung nicht allein mit Vergnügen diese Last übernehmen, sondern durch seine Treue, durch seine Anhänglichkeit, durch seine warme Liebe zum Vaterland, und so gar durch sein Beispiel diesem Stande die wesentlichsten Vortheile verschaffen.


Köln,

gedruckt bei J. M. Heberle und Gebr. Mennig.


Fußnoten:

[1] Daher, sagt Robinet (Paralléle de la Condition et des facultés de l’homme avec la Condition et les facultés des autres animaux p. 22.) ist die Sterblichkeit der Kinder bei den weichlichen Völkern auf ihrem höchsten Grade, und ist bei andern um so viel geringer, je einfacher die Sitten, je thätiger oder geschäftiger, oder rauher die Lebensart ist. Wenn unter uns eine so große Anzahl von Kindern stirbt, so muß man nicht nur die üble Beschaffenheit der Aeltern, und den Einfluß auf jener ihre Gesundheit, als wodurch sie unfähig werden, den Veränderungen, die während der Entwicklung des Körpers in ihnen vorgehen, zu widerstehen, anklagen; sondern man muß auch die üble Beschaffenheit der ersten Kindheit, wo man fast allzeit das Gegentheil von dem thut, was die Natur haben will, dazu rechnen: wo hingegen der bloße Instinct alle anderen Thiere mit weit größerer Gewißheit ihres Davonkommens auferziehen hilft.

[2] Nec Virgines festinantur. Eadem juventa: similis proceritas: pares, validique miscentur, ac robora parentum liberi referunt. Tacit. C. 20.