»Selten nur noch! Denn es sind doch so ganz andere Interessen und Kreise, die jeder von uns hat — er ist ein kolossaler Streber geworden.«
»Was du nicht sagst! — Das glaube ich aber doch nicht,« meinte Papa Haßler, »er war stets fleißig, woran sich andere ein leuchtend Beispiel nehmen könnten.«
»Ja, ei ja — das weiß ich längst.« Lachend hielt Adolf sich die Ohren zu. »Ich wundere mich überhaupt selbst, daß ich es noch so weit gebracht habe! Da hätte mir Beate von ihrem unheimlichen Wissen gern abgeben können. Ihr hätte es nicht geschadet und mir ungeheuer genützt. Weißt du, Mädel,« und lustig zwinkerte er mit den Augen, »weißt du, ich hatte immer gedacht, daß aus dir und Schorsch mal ein Paar werden würde. Ihr waret ja unzertrennlich, ihr beide — die reinen Inseparables.«
Interessiert blickte da Rolf Hagendorf auf Beate; er sah das Zucken in ihrem Gesicht und das gezwungene Lächeln, mit dem sie antwortete: »Adi, deine Kombinationsgabe war immer sehr schwach! Denke daran, daß sie dir einmal zwei Stunden Karzer eingebracht hatte! Und die »vier« in Mathematik vergißt du wohl ganz? Sehr kühn und großartig waren deine Voraussetzungen stets, beruhten aber auf falscher Grundlage, wie in diesem Falle! Was sollte Schorsch wohl mit einer gelehrten Frau anfangen?«
»Wer ist denn seine Auserwählte?« unterbrach Frau Haßler das Wortgeplänkel der Kinder — »das wirst du doch sicher wissen?«
»Ich hörte die Tochter von Professor Brause, in dessen Familie er ja so ganz heimisch ist.«
»Ist sie hübsch?« fuhr es Beate heraus, die aber sofort über diese echt weibliche Frage errötete, besonders, als der Bruder sie lächelnd fixierte und dann sagte: »Hm, so hübsch wie du, Bea, freilich nicht, dir kann überhaupt keiner ...«
»Ach, laß doch die dummen Scherze,« wehrte sie ärgerlich ab, »ich bin doch kein Backfisch mehr, auf den so etwas Eindruck macht, hauptsächlich, wenn es ein Leutnant sagt.«
»Danke, Schwesterlein! Also, Marianne Brause ist ein sehr hübsches und gescheites Mädel, das muß ihr der Neid lassen, nicht wahr, Rolf?«
Der Angeredete nickte zustimmend, während sein Blick beständig Beates Auge suchte: er las in dem stolzen Gesicht etwas, das ihm zu denken gab. War es Schmerz und Kränkung über verschmähte Liebe? Denn Doktor Scharfenbergs Verlobung ging ihr bestimmt näher, als alle anderen ahnen mochten, als sie sich selbst eingestehen wollte! Rolf Hagendorf war ein erfahrener Frauenkenner, der auch in den sprödesten, verschlossensten Herzen lesen konnte.