Rolf ärgerte sich in diesem Augenblick über seine Frau. Sie kam ihm spießbürgerlich und schulmeisterhaft vor, richtig pedantisch, während die andere voll frischen, heiß pulsierenden Lebens war, fröhlich und unbekümmert, so, wie er es liebte!
»Ah«, machte da Viola auf Beates letzte Bemerkung, und sehr erstaunt und ungläubig, fast ein wenig geringschätzig, blickten ihre grauen Augen, und ganz leicht schüttelte sie den Kopf, als sei ihr unbegreiflich, was die andere gesagt.
»Du darfst nicht vergessen, Kind, daß Frau von Hagendorf ganz andere Interessen hat,« meinte Ilse Malten in leicht verweisendem Tone, »du weißt doch, daß sie studiert und den Doktortitel errungen hat; da fehlte die Zeit für derartigen Sport!«
»Ach ja, liebe, gnädige Frau, bitte erzählen Sie doch von Ihrer Studienzeit, das muß doch furchtbar interessant gewesen sein, das flotte, freie Burschenleben — »’s gibt kein schöner Leben, als Studentenleben, wie es Bacchus und Gambrinus schuf« — ach, bitte, erzählen Sie —« und wie ein Kind klatschte sie in die Hände, erwartungsvolle Augen machend.
Ein leichtes, ironisches Lächeln zuckte um Beates Mundwinkel. »Ein solches Studentenleben, wie Sie denken, Fräulein Düsing, habe ich nicht genossen. Ich hatte mein Studium ernst und nicht als Sport genommen. Da hieß es arbeiten, um vorwärts zu kommen. Amüsieren und flirten gab es da nicht! Und doch habe ich Stunden reinsten Glücks und vollster Befriedigung gehabt, wie es nur die kennen und mir nachfühlen, die ernste Arbeit zu ihres Lebens Ziel und Inhalt machen. Ich denke sehr gern an jene Zeit zurück.«
»Das alles haben Sie aber aufgegeben, als der Rechte kam! Gestehen Sie, Liebste, die Ehe ist doch das einzig Richtige für uns, nicht wahr? Da vergißt man alles, die ganze Gelehrsamkeit, den Durst nach Ruhm und Erfolg,« meinte Frau Ilse in leicht neckendem Tone, sich vorbiegend und in Beates ernste Augen sehend.
»Ich muß Ihnen recht geben, wenn die Ehe eine ehrliche Kameradschaft für das Leben ist und die Ehegatten sich gegenseitig ergänzen und verstehen — und man ein lieb Kind sein eigen nennt,« schloß Beate mit leiser weicher Stimme.
Rolf küßte ihre Hand. »Ja, meine Bea, du sprichst mir aus dem Herzen.« Es war ihm, als müsse er etwas gut machen; denn er sah, wie sie sich nur mühsam aufrecht erhielt. Der Besuch der beiden Damen griff sie doch noch zu sehr an. Spöttisch lächelnd beobachtete Viola diese kleine Szene. Rolf bemerkte das und wurde rot.
In plötzlicher Schwäche schloß Beate die Augen. Frau von Malten sah das. Sofort sprang sie auf. »Ist Ihnen nicht gut? O, verzeihen Sie, daß wir so lange verweilt haben! Doch verplaudert sich die Zeit so schnell bei Ihnen, Liebste! Nun wollen wir aber gleich gehen, Viola, und Sie, liebe Frau Beate, legen sich sofort zu Bett! — Also auf Wiedersehen! Nächste Woche dürfen wir doch wiederkommen?« Sie küßte Beate auf die Wangen, und nach wortreichem Abschied entfernten sich die beiden.
Rolf von Hagendorf geleitete sie hinaus. In gut gespieltem Bedauern meinte da Ilse Malten: »Gott, Hagendorf, unser Besuch hat doch Ihrer lieben Frau nicht etwa geschadet? Sie sah übrigens nicht so gut aus, wie Sie dachten! Ihr Männer habt dafür gar keine Augen, wenn man wirklich krank ist. Ihr seid Barbaren! Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern, bis Frau Beate ihre vielbewunderte Schönheit wieder bekommt: sie ist richtig alt geworden! Du mußt nämlich wissen, Viola, daß unseres Freundes Frau die schönste Dame des Regiments war, — nein, nein, kein Widerspruch aus Galanterie, lieber Hagendorf. Sie wissen es doch ganz genau selbst. Und wie ist ihr Haar dünn geworden! Gegen dessen frühere Pracht, Viola, würde selbst dein schönes Haar nicht aufgekommen sein!«