Sie küßte Beate auf beide Wangen — »wie bin ich glücklich, Sie so wohl zu sehen. Gott, wie hab’ ich mich um Sie gesorgt — wir alle, nicht wahr, Viola? Nun bringe ich Ihnen so ohne weiteres mein Schwesterlein, das darauf brennt, die berühmte »Doktorin« kennen zu lernen. — Sie sind mir doch nicht böse, Liebste, daß ich so bei Ihnen eindringe? Aber Ihr Gatte meinte, es sei durchaus keine Störung; im Gegenteil, Sie müßten etwas Zerstreuung haben, und mir ließ es keine Ruhe, seitdem ich wußte, daß Sie auf sind, und diese Rosen hier, die letzten Kinder des Sommers, sollen meinen Wunsch begleiten, Sie recht bald in unserer Mitte, gesund und vergnügt zu sehen!« Dabei legte sie den Strauß köstlicher Rosen, den sie bisher in der Hand gehalten, in Beates Schoß und setzte sich neben sie.
Die junge leidende Frau war von dem Redeschwall der andern förmlich betäubt, und fast mechanisch hieß sie Viola Düsing willkommen, die schon seit längerer Zeit bei Maltens zu Besuch war. Sämtliche Herren schwärmten von ihr, auch Rolf nicht ausgenommen.
Sie war eine auffallende Erscheinung, Mitte der Zwanzig, mehr pikant als schön mit dem stark rotblonden Haar, den dunkelgrauen Augen und dem üppigen, ein wenig aufgeworfenen Munde in dem frischen, sehr gepuderten Gesicht. Ihre Gestalt war tadellos, aber ein wenig zur Fülle neigend. Der Schick, mit dem sie gekleidet, hatte schon die Grenzen überschritten, die einer Dame in der Wahl ihrer Toilette gezogen sind; Beate war fast befremdet darüber. Viola Düsing kam der fein empfindenden, maßvollen Frau wie eine Soubrette, eine Varietéprinzessin vor; sie konnte sich dieses Gefühls nicht erwehren.
Rolf hatte sich mit dem jungen Mädchen in ein lebhaftes Gespräch vertieft, während die beiden Frauen über den kleinen Karl Friedrich sprachen, wieviel er zunahm und was dergleichen Fragen mehr sind, die Mütter interessieren.
Da wandte sich Viola zu Beate. »Gnädige Frau, Ihr Bub’ ist herzig — ich habe ihn vorhin so bewundert; kaum konnt’ ich mich von ihm trennen, er ist einzig süß, und wie gleicht er so ganz seinem Vater, einfach süß,« wiederholte sie und warf einen sprechenden Blick auf Rolf, der fast verlegen über die ihm so offensichtlich dargebrachte Schmeichelei seinen Schnurrbart drehte. Mit tiefem Befremden hörte Beate diese Worte. Vergaß das junge Mädchen so ganz seine gute Erziehung, um in einer solchen Weise einem Herrn entgegenzukommen?
Es war, als ahne Frau Ilse Malten Beates Gedanken, denn sie sagte: »Viola schwärmt ja so sehr für kleine Kinder — sie sind ihr ganzes Entzücken. Ich habe den ganzen Tag zu schelten, weil sie mir meine beiden Jungen in Grund und Boden verwöhnt und verzogen hat; sie tobt wie ein Kind mit ihnen, und die Buben wissen genau, an wem sie Rückhalt haben! In der Zeit ihrer Anwesenheit hat sie das Haus förmlich auf den Kopf gestellt! Und ebenso wild reitet sie. Ich habe manchmal Angst, daß sie mir nicht mit heilen Gliedern nach Hause kommt, und ich bin froh, wenn sie mir meinen Mann gesund abliefert!«
»Na ja, dein Otto ist ’ne Schlafmütze,« lachte Viola und ihre Zähne blitzten; dann schlug sie sich wie erschrocken auf den Mund — »o bitte um Verzeihung wegen dieses unparlamentarischen Ausdrucks; er entfuhr mir nur so! Aber der gute Otto! Der Sonntagsreiter! Was ich unter Reiten verstehe, ist etwas ganz anderes: über Sturzäcker reiten, Gräben und Zäune nehmen, das ist nach meinem Sinn — an mir ist ein Kavallerist verloren,« — ihre Lippen waren halb geöffnet, und ihre Brust hob sich in tiefen Atemzügen, als genösse sie dieses Vergnügen ihres wilden Reitens.
Entzückt ruhten Rolfs Augen auf dem lebensvollen Geschöpf — das war etwas nach seinem Sinn! »Ganz meine Ansicht, gnädiges Fräulein«, entgegnete er lebhaft, »auch ich fühle mich als ein anderer, wenn ich auf einem Gaul sitze.«
»Sie haben Ihren Herrn Gemahl gewiß immer begleitet,« wandte sich Viola an Beate, »das muß köstlich gewesen sein!«
»Sie irren, Fräulein Düsing! Ich habe nie ein Pferd bestiegen; auch muß ich gestehen, daß ich diesem Sport sehr gleichgültig gegenüberstehe«, entgegnete Beate etwas steif; ihr mißfiel das Wesen des Mädchens immer mehr.