Als sie zum ersten Male wieder aufstehen durfte, zeigte die Natur schon herbstliche Färbung, und mit etwas wehmütigem Lächeln schaute die junge Frau in den Garten, auf dessen wohlgepflegten Wegen die Amme den Kinderwagen schob und mit dem Kleinen tändelte. Tränen feuchteten ihre Augen. Ihr Kind! Was hatte sie bis jetzt davon gehabt, und wie innig sehnte sie sich nach ihm! Wenn sie nur nicht gar so schwach noch und elend wäre!
Prüfend flog ihr Blick nach dem Spiegel. Sie war bloß noch ein Schatten ihres früheren strahlenden Selbst — um Jahre gealtert kam sie sich vor. Das Gesicht war so bleich und abgezehrt, um den Mund lag ein müder Zug, und die Fülle der Gestalt war geschwunden. Schmerzlich seufzte sie. Sie war doch genug Weib, um das nicht bitter zu empfinden.
Beate erhob sich vom Diwan, auf den man sie gebettet, und machte mit Anstrengung einige Schritte nach der Balkontüre, um nach dem Kinde zu rufen. Da sah sie auf dem Wege zwei sommerlich gekleidete Gestalten daherkommen, die jetzt am Kinderwagen Halt machten und sich darüber neigten, seinen Inhalt in Augenschein zu nehmen. »Du kleiner Kerl, kennst du mich denn nicht? Ich habe dich doch schon öfter begrüßt! Nicht weinen, du, du, ich bin doch die gute Tante,« hörte Beate ganz deutlich die etwas scharfe, helle Stimme der Frau von Malten zu sich heraufschallen, »sieh nur, Viola, er ist doch gar zu goldig — und wie klug er schon guckt.«
Da trat Rolf ziemlich hastig ins Zimmer. »Ausgeschlafen, Bea? Fühlst du dich noch so wohl wie am Mittag? Das ist ja herrlich« — er küßte sie flüchtig auf die Stirn — »du siehst auch brillant aus, ganz brillant. Da bist du sicher imstande, Frau von Malten mit ihrer Schwester zu empfangen.«
»Rolf!« weiter sagte sie nichts.
Er verstand den stummen Vorwurf in dem Blick der großen Augen. Etwas verlegen fuhr er sich durch das Haar. »Ich bin selbst untröstlich, Schatz, aber es geht nicht anders. Abweisen kannst du sie nicht. Heute morgen begegnete sie mir, fragte mich natürlich nach deinem Befinden, und als ich ihr erzählte, daß du zu meiner großen Freude aufstehen wolltest, stellte sie mir ihren Besuch in Aussicht.«
»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« fragte sie vorwurfsvoll.
»Weil ich es selbst noch nicht recht geglaubt, nachdem ich schon früher einigemale abgewinkt! Sie war in jeder Hinsicht so aufmerksam, daß es direkt ungezogen gewesen wäre; sieh, jetzt kommen sie schon die Treppe herauf, eine Abweisung ist unmöglich,« sagte er dringend, schon im Hinausgehen begriffen.
Draußen hörte sie lautes Lachen, lebhaftes Begrüßen, und wenige Augenblicke später betraten die beiden Damen das Zimmer. Als Beate sich aus dem bequemen Stuhl, in dem sie jetzt ruhte, erheben wollte, um ihnen entgegen zu gehen, eilte Frau von Malten auf sie zu, sie daran zu hindern.
»Nein, nein, Liebste, Beste, das geht nicht! Sie bleiben hübsch sitzen, wenn Sie nicht wollen, daß wir gleich wieder gehen!«