»Ja, mein Gott, warum nicht?« lautete seine erstaunte Frage.
»Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der Klatsch ist Ihnen so fremd. Also — Hagendorf macht der Schwester Frau von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet täglich mit ihr aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn sie geht kaum aus und lebt nur für ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen, hatte sie den Gatten aus anderen Gründen entschuldigt.«
Er sprang auf. »Das ist mir aber peinlich, ganz außerordentlich peinlich,« rief er erregt aus.
»Nun, nun,« begütigte Martina, »so schlimm ist es ja nicht, was Sie verbrochen haben. Übrigens will mein Mann morgen oder übermorgen dem Hagendorf mal die Leviten lesen, daß er nicht zu sehr vergißt, was er seiner Frau schuldig ist. Ich möchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen; denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prächtige Frau, diese Beate mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich das? Sie kennen sie ja von früher her, wissen das ebenso gut wie ich.«
Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer impulsiven Art: »Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht? Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!«
Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Aber, lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet? Wäre das denn so unnatürlich gewesen? Nachbarskinder, täglich beisammen, da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie hätten doch viel besser zu der geistvollen Frau gepaßt, als der im Grunde herzlich unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schöner Mann ist, aber auch nichts weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie über Ihren Büchern und Ihrem Wissensdrange ganz übersehen, daß aus dem Kinde, das Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswürdiges Weib geworden war. Vielleicht hätten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist, wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten hätten!«
Während ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten Worten wandte er sich hastig um. »Wissen Sie denn so genau, daß ich das nicht getan habe? Daß ich wirklich so blind war?« kam es halb erstickt aus seinem Munde, und er strich mit der Hand über die Stirn, wie um eine schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.
»Um Gottes willen,« erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf sein tief erregtes Gesicht, »um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor, wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewußter Weise an eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerührt habe.«
Er schüttelte trübe den Kopf. »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt lassen Sie mich gehen!«
Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hände auf seine Schultern und sagte leise: »Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.«