Sie konnte es sich nicht mehr verhehlen, daß sie auf sein Kommen wartete und glücklich darüber war, wenn sie ihn sah und seine beruhigende Stimme hörte! Und für ihn war es eine Feierstunde, wenn er bei Beate sein durfte. Er sah sie in ihrem hausfraulichen Walten, lernte sie in ihrer ganzen reichen Gemütstiefe kennen, und immer heißer wurde der Wunsch in ihm, sie die Seine zu nennen — die alte Jugendliebe schlug in hellen Flammen empor, nun kein Hindernis mehr war. — —
Manche Stunde verplauderte er bei ihr. Und jetzt konnte sie auch unbefangen von der früheren Zeit mit ihm reden, sie hatten ja so viele gemeinsame Berührungspunkte. Sie erzählte ihm von ihren Studienjahren, von ihrer Tätigkeit, ihrem Fleiß und gab ihm auch ihre Doktordissertation zu lesen, deren klare, lichtvolle Durcharbeitung er aus ehrlichem Herzen loben konnte, worüber sie sehr erfreut war. Und zuletzt sprach sie von ihrer Stellung als Assistenzärztin am Krankenhause in D., die sie mit vollster Befriedigung erfüllt habe. — —
»Und haben sie dennoch so leicht aufgegeben, um zu heiraten! Verzeihung, Beate, doch ich muß es Ihnen sagen, wie sehr ich damals über Ihre Verlobung verwundert war. Sie hatten mir damit sehr, sehr wehe getan,« fügte er leise hinzu. Sie errötete tief und neigte den Kopf auf die feine Stickerei, die sie in den Händen hielt. Wußte er denn, daß es ihr so leicht geworden, dem geliebten Beruf zu entsagen? Er konnte nicht wissen, wieviele Tränen es sie gekostet, mit welchem schweren Herzen sie in die Ehe getreten war! Konnte sie ihm denn sagen, daß es nur war, weil sie ihn gebunden glaubte? Daß da dem Ärger und dem Trotz über das Vergessensein ein flüchtiger Zufall zu Hilfe gekommen und sie einem anderen in die Arme getrieben hatte? — Er wartete auf Antwort.
Glücklicherweise wurde sie dem überhoben, denn Karl Friedrich klopfte sehr vernehmlich an die Tür, die ihm Georg öffnete. »Na, du kleiner Mann,« scherzte er, »bist du dem Fräulein wieder davongelaufen? Du siehst mir ganz so aus.« Liebevoll hatte er sich zu ihm geneigt. Da schlang Karl Friedrich seine Ärmchen um Georgs Hals. »Ja, Bubi will beim guten Onkel Doktor bleiben.«
Der hob ihn hoch empor und setzte ihn dann auf seine Knie. Beate sah lächelnd auf die beiden. Nach bescheidenem Anklopfen trat da das Kinderfräulein ein. »Gnädige Frau, ist Karl Friedrich hier? Er ist mir davongelaufen.«
»Das höre ich nicht gern, Bubi! Aber dennoch wollen wir ihm heute mal verzeihen.«
»Aber er hat seine Milch nicht trinken wollen!« warf das Fräulein ein.
Beates lächelnde Miene wurde ernsthaft. »Das ist allerdings schlimm! Wenn du nicht gehorsam bist und deine Milch sofort trinkst, darfst du nicht bei Onkel Doktor bleiben, Bubi! Geh sofort mit Fräulein. Onkel Doktor und Mutti mögen nur artige Kinder leiden.«
An der Mutter Gesicht sah der kleine Kerl, daß es nicht ratsam war, zu widersprechen. Betrübt, aber gehorsam trabte er mit dem Fräulein ab, doch nicht, ohne vorher wichtig zu versichern: »Bubi kommt aber gleich wieder.«
Lächelnd blickten ihm beide nach, und Beates Gesicht war förmlich vom Mutterglück verklärt. »Ein prächtiger Knabe,« sagte er, »und so gehorsam.«