Nun folgte eine schwere Zeit für Beate. Sie rieb sich fast auf in der Sorge um den Knaben, in dem Kampfe mit der tückischen Krankheit. Treu hielt Martina zu ihr; sie litt mit der Freundin und konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sie sich aufopferte. »Du mußt noch einen Arzt nehmen — es geht so nicht weiter.«
»Er kann auch nichts anderes tun, als was ich tue! Es ist ja nur ein leichter Fall, aber doch sorge ich mich! Wieviel schlimm diphtheriekranke Kinder habe ich schon behandelt.«
»Aber nicht ein eigenes! Man ist doch ein schlechter Arzt, wenn die Muttergefühle in Betracht kommen! Und ich sage dir, der Professor kommt her«, bestimmte Tina kategorisch, »es ist nicht Mangel an Vertrauen zu deinen Kenntnissen, sondern Mitleid mit dir. Mein Mann will es auch. Wenn du uns nicht böse machen willst, bist du gehorsam.«
Und Beate war es auch. Sie war so müde von der Sorge und dem Herzeleid, wie sie ihr blühendes Kind so leiden sehen mußte.
Der Professor kam. Nach der Untersuchung des Knaben sagte er: »Ich kann Ihre Anordnungen nur gutheißen; mir bleibt nichts zu tun, gnädige Frau.«
»Ich darf Sie aber dennoch bitten, wiederzukommen; ich bin um vieles ruhiger, Herr Professor,« fügte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen, hinzu. In tiefem Mitleid ruhten seine Blicke auf dem schmalen, blassen Frauengesicht, das so deutlich die Spuren durchwachter Nächte und banger Sorge trug. »Sie machen mich glücklich mit dieser Bitte — selbstverständlich werde ich Ihrem Wunsche nachkommen.«
Die leichte Besserung in Karl Friedrichs Befinden, die eingetreten war, hielt nicht lange an. Nach wenigen Tagen mußte Beate eine Verschlimmerung feststellen; das Kind kämpfte mit den heftigsten Erstickungsanfällen. Angstvoll telephonierte sie dem Professor, der sofort kam. Mit ernstem Gesicht hatte er die Untersuchung beendet. »Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Luftröhrenschnitt zu machen,« sagte er leise.
Sie erbleichte tief bei seinen Worten, und heiße Tränen drängten sich in ihre Augen. Aber sie bezwang sich; sie mußte ja tapfer sein, sein getreuer Assistent, wie er es verlangte. — — — —
Die Operation war glücklich verlaufen und Karl Friedrich gerettet; aber an seinem Bette saß jetzt eine Pflegeschwester. Beate hatte auf dringendes Anraten des Professors auch an sich denken müssen; ihre Kräfte waren vollständig erschöpft; sie war am Zusammenbrechen, so daß sie die Pflege des Kindes nicht mehr allein tragen konnte. Außerdem war nach menschlicher Voraussicht die Gefahr für den Knaben vorüber; so konnte sie sich wenigstens die langentbehrte Nachtruhe gönnen.
Gewissenhaft befolgte sie die Anordnungen, die Professor Scharfenberg ihr gab. Er kam noch fast täglich in ihr Haus, um nach seinen beiden Patienten zu sehen, und er konnte sehr energisch und bestimmt sein, wenn man nicht ganz gehorsam gewesen war. Das Kind hatte ihn schnell lieb gewonnen und freute sich, wenn der »Onkel Doktor« kam. Mit wehmütigen Gefühlen betrachtete Beate den Professor, wenn er so liebevolle Töne für Karl Friedrich fand und so kindlich mit ihm zu reden wußte. Ja, das war ganz der alte, treuherzige Georg, ihr geduldiger, stets hilfsbereiter Jugendfreund — und mehr als je erstand die vergangene Zeit vor ihr.