Doch Gerda fiel ihm rasch in den Arm. »Ich bitte dich, tu's nicht!« rief sie. »Du würdest dem Kinde die Unbefangenheit nehmen. Wenn Silly sich beobachtet wüßte, es wär' ihr auch nicht lieb. Ich habe auch sonst allerlei Wunderliches an ihr bemerkt,« fuhr sie zögernd fort; »neulich als sie mir aus meinem eigenen früheren Kinderbuche vorlas, ließ sie die Worte Demut und Gerechtigkeit in der Erzählung, die ich genau kannte, absichtlich aus und ersetzte sie durch andere. Dabei wurde sie blutrot, der Atem stockte ihr, und ich fühlte, wie ihr Herzchen pochte. Was mag nur in ihr vorgegangen sein?«
»Kinderphantasien! Auch ich hab' einmal als Tertianer das Kunststück fertiggebracht, einen Aufsatz einzuliefern, in dem kein einziges Mal der Buchstabe r vorkam. Diese Leistung brachte mir die ungeteilte Anerkennung meiner Klassenkameraden ein, unser Lehrer war freilich anderer Meinung.«
»Silly … Silly! Wo bist du?« hörte man jetzt rufen.
Arno stürmte durch den Obstpark. Er hielt einen flatternden beschriebenen Bogen hoch.
Sibylle trat langsam unter den Kirschbäumen hervor. Der Knabe ergriff sie bei der Hand und zog sie eifrig zu einer Bank.
Sie setzte sich ruhig. Arno warf sich der Länge nach ins Gras, stützte die Ellbogen auf den Boden und den Kopf in die Hände. Dann begann er ihr ernsthaft vorzulesen. Sie nickte und faltete still die Hände. – –
Viermal hatte die Erde ihr grünes Kleid mit dem weißen vertauscht, und wieder war es Winter. Und Jahr um Jahr gleichförmig, und dennoch im Innersten wunderseltsam bewegt, spann sich Sibylles Leben durch die wechselnden Jahreszeiten.
Schlanker und zarter war Sibylle geworden, verständiger und wehrloser. Ihre durchsichtigen Augen voll feiner Schwermut sahen ernsthaft und groß ins Weite. Ihr schüchterner junger Mund flüsterte oft heiße, abgerissene Dichterworte vor sich hin, die sie irgendwo gelesen, deren dunklen Sinn sie mehr ahnte als begriff. Wenn sie nachts in ihrem kühlen Bett wach lag, regte sich ein geheimnisvolles Träumen in ihren jungen Gliedern, und sie fühlte, daß das Leben viel, viel schöner sein müsse, als sie es bisher gekannt.
Die Eltern nahmen sie einmal mit in die Stadt, und sie hatte zum erstenmal eine naturwissenschaftliche Bilderfolge in einem Kinematographen gesehen.