Wie die Raupen sich seltsam verpuppten, wie sie sich, ihrem Instinkt zufolge, selbst einspannen in das starre graue Gehäuse, in dem sie nun wehrlos gefangen waren, bis aus der unschönen Hülle, in glänzender Verwandlung, fremdartig und lieblich, das geflügelte Schmetterlingsinsekt herausschlüpfte – das hatte Sibyllens Herz vor Spannung und heiligem Staunen klopfen gemacht. Nun begann sie sich eifrig mit naturwissenschaftlichen Büchern zu beschäftigen. Die Mutter sah das gern. So würde ihr Kind aus seinem Hinträumen zu positiven Kenntnissen geleitet.
Arnos früherer Hauslehrer, Herr Brandt, der nach Übersiedlung der freiherrlichen Familie nach Berlin ins Haus gezogen war, unterstützte Sibylle darin. Im übrigen hatte er sich nicht so recht an seine neue Schülerin gewöhnt. Elisabeths eiserne Pflichttreue und ihr Ehrgeiz waren Sibylle ebenso fremd wie Arnos leidenschaftliche Hingabe an alles Neue. Sie lernte nicht eigentlich ungern, doch wollte es Herrn cand. theol. Tobias Brandt scheinen, als glaube die kleine Gräfin, ihm persönlich einen gnädigen Gefallen zu erweisen, wenn sie lerne, so völlig gleichgültig ließen sie die Ereignisse der Weltgeschichte, die Taten, Meinungen und Dogmen der großen Männer aller Zeiten. Das empörte Herrn Brandts Autoritätsbewußtsein. Dagegen begrüßte er das Interesse Sibyllens an den Vorgängen der Natur mit gemischten Gefühlen. Auf diesem Gebiet fühlte er sich nicht heimisch, auch hatte es ihn nie sonderlich beschäftigt, und ihre ernsten Fragen setzten ihn oft in Verlegenheit. Immerhin war es ihm eine Genugtuung, daß seine Schülerin sich für etwas Besonderes interessierte, denn er stand nun einmal in dem Rufe, ein anregender Lehrer zu sein, und er hätte von seinem schwerverdienten Renommee auch nicht ein Titelchen freiwillig hergegeben.
So wuchs Sibylle eigengeartet und fremd unter den Augen ihrer liebevollen Eltern heran, gehütet, umhegt, halbverstanden und einsam.
Das Land lag weiß und still verschneit in fleckenloser Reinheit, wie Sibylle sie liebte. Sie kam von einem Gange durch den Park zurück, erfrischt und geheiligt. Da hörte sie vom Fenster her die Stimme der Mutter, die sie rief.
Die Gräfin trat in der Vorhalle ihr entgegen, einen Brief in der Hand. Sie ließ Sibylle, ihrer Gewohnheit entgegen, kaum Zeit, den Mantel und die weißgestrickte Sportmütze abzunehmen. Erregt sagte sie: »Weißt du, Kind, Arno ist todkrank gewesen.«
Sibylle blieb wie angewurzelt stehen. »Todkrank …?« wiederholte sie.
»Ja, denke dir, eine schwere Lungenentzündung. Tante Marga muß eine entsetzliche Zeit durchgemacht haben. Immerzu hat der Junge geredet und phantasiert, keine Minute ist er ruhig gewesen. Elisabeth hat sich musterhaft benommen – wie zur Krankenschwester geboren, schreibt Tante Marga.«
Sibyllens leicht gerötete Wangen waren blaß geworden. »Elisabeth ist ja immer musterhaft,« sagte sie kurz.
Die Gräfin überhörte den bitteren Unterton in ihres Kindes Stimme. »Ich will dich etwas fragen, Silly,« sagte sie zögernd; »es ist mir nicht ganz verständlich, wie die Sache zusammenhängt – aber … in seinen Fieberphantasien hat Arno immerzu von einem Versprechen geredet, das er dir halten müsse – was ist das für ein Versprechen gewesen?«