Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Der Silbergarten.
Das Abendlicht lag mit einem rötlichen Schimmer über den weiß verschneiten Parkbäumen. Durch die hohen Fenster des Herrenhauses leuchtete es nachdenklich und klar in das Kinderzimmer hinein.
An den weißen Wänden saß im Halbkranze eine zahlreiche Gesellschaft stocksteif und winzig auf kleinen Stühlchen und starrte mit teilnahmlosen Glasaugen in die Mitte des Raumes.
Hier ging etwas Seltsames vor.
Ein kleines weißgekleidetes Mädchen mit aufgelöstem Blondhaar schwang sich mit feierlicher Anmut in einem Tanze, den es offenbar selbst erfunden hatte, vor dem Puppenpublikum hin und her.
Bald glitt es in gebückter Haltung, die Händchen weit hinter sich gestreckt, mit wunderlichen, schleichenden Bewegungen langsam vorwärts, bald stand es auf den Zehenspitzen und hob die schmächtigen Arme in einer verzückten Gebärde zur Zimmerdecke empor, bald drehte es sich, wie zu einer getragenen Musik, langsam um sich selbst – endlich blieb es stehen, wie erstarrt, das lange Haar wie einen goldenen Schleier mit den Händen fassend, die es auseinandergebreitet hielt, die verträumten Augen ernsthaft vor sich hin gerichtet.