Als es zu dämmern begann – sah man die alte Carmela, ein schwarzes Schleiertuch über dem Haupt, sachte zu dem Stein hinschleichen und fünf Minuten später die Barbara.

Für sie war er ein Stein des Anstoßes geworden.

Stumm, gelb und bleich vor Entsetzen und Wut standen sie da, dann ergriff jede einen Rockzipfel und scheuerte keuchend über ihr eigenes Bildnis. Ein lautes Bravorufen schallte ihnen von der anderen Straßenseite entgegen, und flüchtig wie graue Gespenster huschten sie davon, jede in einer anderen Richtung.

Von nun an hatte Pietro seine Ruhe.

Aber zum monatlichen Zahlungstermin des Mietzinses stand ein großer Karren vor der Haustür, drei langgespannte, hochbeinige Maultiere davor, und kunterbunt und einträchtig war das Hausgerät der beiden Feindinnen übereinandergeschichtet. Sie zogen beide friedlich aus, um ihre grausam gestörten Feindseligkeiten in einem anderen Hause einer anderen Straße wieder aufzunehmen. An einem lang andauernden erzwungenen Frieden wären beide erstickt.

Die längste Zeit seines Tages begann Pietro an seinem Stein zuzubringen. Die Erfahrung mit dem Engländer hatte ihm einen praktischen Gedanken eingegeben. Passierte irgend etwas Bemerkenswertes auf der Straße, gab's irgendwo Händel oder eine Schlägerei, oder zogen die Burschen mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen – Pietros Kohlenstift wußte die Gestalten festzuhalten, und mancher Soldo flog als klingender Lohn auf seinen Stein.

Endlich begnügte er sich nicht mehr mit den schwarzen Kohlenzeichnungen. Er brachte bunte Pastellstifte mit hinunter und begann die Osteria seines Vaters hinzuwerfen, wie sie in der Erinnerung an seine Jugendjahre vor ihm stand. Es wurde eine schmerzlich süße Beschäftigung.

Die Unebenheiten der Steinfläche wußte er geschickt auszunutzen, hier nur mit ein paar Lichtern nachzuhelfen, dort den graubräunlichen Grundton stehen zu lassen. Lebendig wuchs das alte, zusammengesunkene Häuschen vor ihm auf, mit den grünen Jalousien, dem lichtdurchstrahlten Weinlaubengang und dem blauen Himmel darüber. Vorn auf der Bank die breite Gestalt des festen Trinkers Vincenzo und vor der Haustür – ein schlankes Weib im roten Rock, seine Mutter. Das Bildchen rief lebhafte Anerkennung hervor.

»Der versteht's« riefen bewundernde Stimmen, und mehrere Soldi rollten klappernd auf den Stein.