Noch eines wird Euch jetzt klar geworden sein, daß es nämlich oft einer bedeutenden Reife des Geistes, einer großen Selbständigkeit bedarf, um das Verderbliche eines Buches mit Sicherheit zu entdecken.“
Pater Middletons Worte waren von durchschlagender Wirkung. Mehrere seiner Schüler, die sich bis dahin heimlich der Lektüre von anrüchigen Zehn-Cent-Geschichten hingegeben, wandten sich mit Abscheu von denselben weg. In die ganze Klasse fuhr ein Eifer für gute Bücher und für Verbreitung derselben unter den Mitzöglingen. Percy erwarb sich hierbei eigentliche Verdienste. Wie Kenny besaß er eine weit ausgedehnte Belesenheit, hatte jedoch das Glück gehabt, daß eine umsichtige, fromme und gebildete Mutter seine Bücher aufs sorgfältigste auswählte. Zugleich hatte ein vortrefflicher Privatlehrer durch gediegene Unterweisung seinen Geschmack und sein Urteil zu einer frühen Reife geführt, so daß er mit größerer Sicherheit das Gute und Edle vom Minderwertigen und Verwerflichen unterschied.
Unterdessen verwandelt sich unser Freund immer mehr in einen rechten Jungen. Fester und frischer blicken die blauen Augen aus dem unschuldigen Antlitz, das, noch ebenso anmutig und edel wie beim Beginne des Schuljahres, jetzt auch in der Rosenfarbe blühender Gesundheit prangt. Seine ganze Erscheinung ist voller und stärker geworden. Die viele Bewegung in frischer, freier Luft hat ihn gekräftigt und kräftigt ihn noch. Und seine Hände! ah, Tom Playfair wird sich wohl bedenken, ihn noch einmal auf seinen Arm schlagen zu lassen.
Ruhig verflossen noch die Wochen bis Weihnachten. Allein dieses Fest sollte nicht ohne besondere Ereignisse vorübergehen, Ereignisse, die Percys Entwickelung wesentlich fördern halfen.
Wir haben gesehen, wie Percy das Allermädchenhafteste, das er nach Maurach mitbrachte, schnell abstreifte. Er hat den Beweis geliefert, daß er Großmut und Opfersinn in mehr als hinreichendem Maße besitzt, um den Anforderungen, die das Leben an den Christen stellt, vollauf zu entsprechen. Allein seine Nächstenliebe erscheint doch noch mehr als eine rein persönliche: den Freunden, die ihm wohlgethan, gilt in Dankbarkeit seine heldenmütige That. Sein Gesichtskreis muß sich erweitern. Die Religion, in deren Schoße er erzogen ist, auf deren geheiligtem Boden all seine Grundsätze und Anschauungen wurzeln, hat ihn schon mit der geistigen Sehkraft begabt, welche genügt, um eine Welt zu umspannen, und die sich entfalten wird, sobald sich die Gelegenheit dafür bietet.
23. Kapitel.
Auf der Gasse.
An einem hellen Dezembernachmittag sehen wir drei Zöglinge des Pensionates den Weg zur Stadt antreten. Munter schreiten sie dem kalten Winde entgegen, der bald ihre Wangen mit einer dunklen Röte bedeckt.