Ich meine, daß nur die Erziehung durch eine falsche Eitelkeit es mit sich bringt, daß der Mensch sich solch eines Glaubens beraubt.
Für mich unterscheidet sich die Handlung des Kindes, das einem Stück Holze zu essen gibt, gar nicht von gewissen Opferbräuchen der Urreligionen. Und schließlich bedeutet der Glaube, daß Bäume, die an dem Tage, an dem Kinder geboren wurden, gepflanzt worden sind, siechen und vertrocknen, wenn die Kinder kränkeln und sterben, nichts anderes, als daß man Bäumen ein tieferes Verbundensein mit uns als mit dem Leben zuschreibt.
Ich habe leidende Dinge gekannt, und ich weiß von solchen, die an ihrem Leiden gestorben sind. Das traurige Kleiderwerk, das von unseren Abgeschiedenen zurückbleibt, verfällt rasch. Oftmals hat es die Krankheiten, an denen die litten, die es getragen haben; denn es hat seine Sympathien. Oft habe ich Gegenstände in ihrem Zugrundegehen betrachtet. Ihre Auflösung gleicht völlig der unseren. Auch sie haben ihren Knochenfraß, ihre Geschwülste und ihre Wahnsinne. Ein wurmzerfressenes Möbelstück, ein Gewehr mit gebrochenem Verschlusse, eine Lade, die sich wirft, eine Geige, die ihre Stimme verloren hat, sehe ich an Krankheiten leiden, vor denen ich erschüttert stehe.
Warum sollen wir glauben, daß nur wir Dinge lieb haben können und den Dingen die Liebe zu uns absprechen? Wer bürgt denn dafür, daß die Dinge der Liebe nicht fähig sind, wer zeugt dafür, daß sie kein Bewußtsein haben?
Hatte der Bildhauer nicht recht, der sich mit einem Klumpen Ton in den Händen begraben ließ, von jenem Ton, der seinen Träumen so gehorsam gewesen war. Dieser Ton hatte ihm doch immer die Aufopferung eines guten Dieners, wie wir sie am meisten bewundern, bewiesen: sich schweigend darzubringen, ohne etwas dafür zu erwarten, hingegeben gläubig. Voll Glanz und Erhabenheit ist ein solches Bild, das dem Menschen also dient, wie der Mensch Gott dient. Jener Künstler wußte nicht mehr als sein Ton davon, welchem Geheiße er untertan war. Von dem Augenblicke an, da sie beide die gleiche Erleuchtung empfangen hatten, glaube ich auf gleiche Weise an ihr Bewußtsein und liebe sie beide mit derselben Liebe.
Unendlich ist die Traurigkeit in den Dingen, die keinem Gebrauche mehr dienen. Auf dem Dachboden dieses Hauses, dessen Bewohner ich nicht gekannt habe, liegt das Kleid eines kleinen Mädchens und eine Puppe, der Verzweiflung verfallen. Vor der jahrealten Einsamkeit der Dinge hier fühle ich die Gewißheit, daß der eisenbeschlagene Stock dort, der einst fest in die Erde der grünen Hügel gebissen hat, ebenso glücklich wäre, wenn er noch einmal die kühle Frische von Moos empfinden dürfte wie der Sommerhut, der nun trüb erleuchtet vom armen Lichte einer Dachluke daliegt, wenn er noch einmal einen Sommerhimmel sehen dürfte.
Die Dinge aber, die wir liebevoll bewahren, erhalten uns ihre Dankbarkeit und sind immer bereit, uns ihre Seele darzubringen, auf daß sie sich an uns verjünge. Sie sind wie die Rosen in sandigem Grunde, die unendlich erblühen, wenn nur ein wenig Wasser sie der Azure ihrer verlorenen Brunnen gemahnt.
In meinem bescheidenen Wohnzimmer habe ich einen Kindersessel stehen. Auf ihm saß mein Vater und spielte, als er in seinem siebenten Jahre die Überfahrt von Guadeloupe nach Frankreich machte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er auf ihm im Schiffssalon saß und die Bilder ansah, die ihm der Kapitän geliehen hatte. Das Holz von jenen Inseln muß sehr fest sein, denn es hat den Spielen eines kleinen Jungen standgehalten. Dieses kleine Möbelstück, das in meinem Wohnzimmer einen Hafen gefunden hat, schlief hier lange fast vergessen. In langen Jahren hat es seine Seele nicht geoffenbart, denn das Kind, dem es gedient hatte, gab es nun nicht mehr, und andere Kinder kamen nicht, um sich wie Vögel daraufzusetzen. Doch neuerdings ist das Haus fröhlich geworden; meine kleine Nichte ist da, die eben sieben Jahre alt wurde. Sie hat sich auf meinem Arbeitstische eines alten botanischen Atlas bemächtigt. Und da ich in das Wohnzimmer komme, finde ich sie im Lampenlichte auf dem kleinen Sessel sitzen und, wie dereinst ihr seliger Großvater, die schönen sanften Bilder anschauen. Da sagte ich mir, daß einzig dieses kleine Mädchen den Sessel habe neu beleben können, und daß seine dienensfrohe Seele sachte das arglose Kind dazu gelockt habe. Zwischen dem Kinde und dem Dinge war ein geheimnisvolles Spiel von Anziehungskräften am Werke: das Mädchen hätte es nicht vermocht, nicht zu dem Sessel zu gehen, der einzig dadurch hatte wieder zu Leben kommen können.
Die Dinge sind sanft. Aus eigenem Antriebe tun sie niemals Böses. Sie sind die Geschwister der Geister. Sie nehmen uns in sich auf, und wir bringen ihnen unsere Gedanken, die Sehnsucht nach ihnen haben wie die Düfte nach den Blumen, zu denen sie gehören.
Der Gefangene, den keine Menschenseele trösten kommt, muß seine Zärtlichkeit zu seiner Pritsche und zu seinem irdenen Kruge tragen. Da ihm von seinesgleichen alles versagt wird, schenkt ihm sein armes Lager den Schlaf und stillt ihm sein Krug den Durst. Und selbst die nackten Mauern, die ihn doch von der ganzen Welt trennen, werden ihm lieb, weil sie zwischen ihm und seinen Peinigern stehen.