Das gezüchtigte Kind liebt den Polster, auf dem es weint. Da an einem solchen Abende alles ihm gegrollt und wehgetan hat, tröstet es die schweigende Seele des Federkissens wie ein Freund, der mit seinem Schweigen dem Freunde Ruhe schenken möchte.
Doch nicht allein ihr Stummsein ist es, das uns ihre Zuneigung empfinden läßt. Sie klingen in so verschwiegenen Akkorden, mögen sie nun in dem Forste klagen, den René mit seiner gewitternden Seele erfüllt, oder sie hinsingen über den See, an dem ein anderer Dichter in Betrachtungen versunken ist. Es gibt Stunden und Zeiten, in denen manche dieser Akkorde ein stärkeres Leben haben, in denen die tausend Stimmen der Dinge lauter zu hören sind. Zwei oder dreimal in meinem Leben habe ich den Ruf dieser Geheimniswelt vernommen.
Gegen Ende August um Mitternacht nach einem sehr heißen Tage geht über die hingeknieten Dörfer ein ungewisses Raunen. Es klingt anders als das der Bäche und Quellen oder das des Windes, anders ist es als das Geräusch, mit dem die Tiere das Gras zermalmen oder das ihrer Ketten, an denen sie über den Krippen zerren, anders ist es als die Laute der unruhigen Wachhunde, der Vögel oder der Schiffchen an den Webstühlen. So mild sind diese Klänge dem Ohre, wie dem Auge der Schimmer der Morgenröte ist. Nun regt sich eine ungeheure und sanfte Welt; die Grashalme lehnen sich bis zum Morgen aneinander, unhörbar rauscht der Tau, und mit jedem Sekundenschlage ändert das große Keimen völlig das Antlitz der Gefilde. Nur die Seele kann diese Seelen erfassen, den Blütenstaub in der Glückseligkeit der Blumenkronen ahnen und die Rufe und das Schweigen vernehmen, darin das göttliche Unbekannte sich vollzieht. Es ist so, als ob man sich mit einem Male in einem völlig fremden Lande befände und hier von der sehnsüchtigen Schwermut der Sprache zart ergriffen würde, ohne doch genau zu verstehen, was sie ausdrückt.
Aber ich kann doch tiefer in den Sinn des Raunens der Dinge eindringen als in den einer Menschensprache, die mir unbekannt ist. Ich fühle, daß ich verstehe, und daß es dazu gar keiner großen Anstrengung bedarf. Vielleicht ist mein Dichten manchmal so weit, den Willen dieser verborgenen Seelen zu übersetzen und einige ihrer Lebensäußerungen auf eine faßliche Art aufzuzeichnen. Ich verstehe es schon, diesem unbestimmten Raunen innerlich Antwort zu geben, wie ich es verstehe, mit Schweigen verständlich die Fragen einer Freundin zu beantworten.
Aber diese Sprache der Dinge ist nicht völlig und einzig mit dem Ohre vernehmbar. Sie bedient sich auch anderer Zeichen, die blaß über unsere Seele hinhuschen und sich allzu schwach noch einprägen, die aber vielleicht deutlicher wiederkommen werden, wenn wir bereiter sind, Gott in uns aufzunehmen.
Es gibt Dinge, die mich in den wehevollsten Umständen meines Lebens getröstet haben. Etliche unter ihnen zogen in solchen Zeiten auf sonderbare Art meine Blicke auf sich. Und ich, der ich mich nie vor den Menschen beugen konnte, habe mich demütig diesen Dingen hingegeben. Da brach ein Strahlen aus ihnen — doch nicht nur aus den Erinnerungen, die mich mit ihnen verknüpfen — und durchdrang mich wie Schauer der Freundschaft.
Ich fühlte sie und fühle sie rings um mich leben, leben in meinem verborgenen Reiche, und ich bin ihnen verantwortlich wie einem älteren Bruder. Im Augenblicke, da ich dies schreibe, empfinde ich, daß voll Liebe und Vertrauen die Seelen dieser göttlichen Schwestern auf mir ruhn. Der Sessel da, der Schrank, die Feder, sie sind mit mir. Ich glaube an sie über alle Systeme hinaus, über alles Verstehen und jede Deutung hinaus glaube ich an sie. Sie geben mir eine Überzeugung, wie kein Genie sie mir geben könnte. Jedes System wird eitel sein und alle Deutung Irrtum in dem Augenblicke, in dem ich in meiner Seele die Gewißheit dieser Seelen leben fühle.
Als ich bei dem Schuhflicker eintrat, habe ich mich, mit den Kindern und dem Hunde beim Herde sitzend, unvermittelt aufgenommen gefühlt und habe meine Seele den tausend unbekannten Stimmen der Dinge aufgetan. In dieser andächtigen Besinnung wurde aus dem Niederfall einer halbverwelkten Ranke, aus dem Knirschen des Schürhakens, aus dem Schlage des Hammers und dem Flackern der Kerze, wurde aus dem schwarzen geblähten Flecke, als den ich die eingeschlafene Amsel sah, und aus dem Auf- und Niedergehen des Deckels auf dem Kochtopfe eine geheiligte Sprache, die meinem Lauschen verständlicher war als die Rede der meisten Menschen. Diese Laute und Farben waren nichts anderes als die Gebärde der Gegenstände, deren sie sich als Ausdrucksweise bedienen wie wir der Stimme und der Blicke. Brüderlich fühlte ich mich diesen demütigen Dingen verbunden. Und ich erkannte, wie armselig es sei, die Reiche der Natur voneinander zu scheiden, da es doch nur das eine Reich Gottes gibt.
Wie darf man behaupten, daß die Dinge uns niemals Zeichen ihrer Zuneigung geben? Rostet nicht das Werkzeug, dessen sich die Hand des Arbeiters nicht mehr bedient, ebenso wie der Mann, der das Werkzeug feiern läßt?
Ich habe einen Schmied gekannt; er war fröhlich in den Zeiten seiner Kraft, und der blaue Himmel leuchtete an strahlenden Mittagen in seine schwarze Schmiede. Lustig gab der Amboß seinem Hammer Antwort. Der Hammer, den der Meister von Herzen schwang, war das Herz des Amboß. Wenn die Nacht hereinbrach, erhellte er die Schmiede mit seinem bloßen Schimmer und dem Blicke seiner Augen, die unter dem ledernen Blasbalge als Kohlenglut glommen. Eine erhabene Liebe verband die Seele dieses Mannes mit der Seele seiner Dinge. Wenn er sich an den heiligen Tagen zur Andacht sammelte, betete die Schmiede, die er schon am Abende vorher gesäubert hatte, schweigend mit ihm. Dieser Schmied war mein Freund. Oft stand ich an der schwarzen Schwelle und rief ihm eine Frage zu — und die ganze Schmiede gab mir Antwort. Die Funken lachten über die Kohlen hin, und metallen klingende Silben wurden zu einer tiefen und geheimnisvollen Sprache, die mich ergriff wie Worte von Pflicht. Hier widerfuhr mir fast das Gleiche wie bei dem armen Flickschuster.