Lange, bevor ich die Heiterkeit des Tages, der hier über dem Patriarchen zu Ende ging, erlebte, war das alte Fräulein gestorben. Sie hatte hier ihre ganze Jugendzeit verbracht, und sie wohnte auch später fast immer hier. Denn ihr oblag, nachdem sie Waise geworden war, die ganze Sorge um ihre wahnsinnige Schwester. Nur ein paarmal war sie fortgewesen: als sie einige Jahre hintereinander eine Zeit in Paris verbrachte. Wenn ich an sie denke, wie ich sie als Achtzigjährige gekannt habe, mit ihren schneeweißen Scheiteln, die stets mit Parmaveilchen geschmückt waren, der großen Nase, dem spitzen aufwärtsgebogenen Kinn und den feurigen Augen, wird es mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, wie sie als Achtzehnjährige gewesen sein mag: Da sehe ich sie mit einem biegsamen großen, mit Feldblumen geschmückten Hute, in einem Mousselinkleide, das sich in ihren Knicksen bauscht, und mit einem Gürtel aus einer kolibrifarbenen Schleife.
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In diesem Schlosse nun habe ich in den letzten Tagen langsam und voll Zärtlichkeit das Album durchgeblättert, darein das Fräulein Sophie F. von B. seine Herzensdinge geschrieben hat, und ein unsagbares Heimweh nach der Vergangenheit überkam mich.
Während sie in Paris lebte, das muß um 1840 gewesen sein, nahm sie Botanikunterricht im Jardin des Plantes. O, von wie viel Liebreiz umgeben sie mir jetzt erscheint! Wer weiß, wie schönheitsentflammt die Seele dieses jungen Provinzmädchens war, das hier nun die strahlenden Farben und den Duftatem irgendwelcher neuer Blütendolden, die vielleicht Laurent de Jussien eben erst von wilden Inseln gebracht hatte, genoß! Ich glaube dieses Mädchen der alten Zeit vor mir zu sehen, wie es sich in einer Allee des Botanischen Gartens auf die Spitze seiner fliederfarbigen Schuhe erhebt, um das Innere einer zottigen Blumenglocke zu erforschen.
Diesem Album, in das sie sorgsam wunderbare Sträußchen gezeichnet und gemalt hat, hat sie ihr Herz anvertraut. Ich nenne ihre Malereien wunderbar, aber ich will damit gewiß nicht sagen, daß sie etwa das Genie besessen habe, in der Wiedergabe der Blumenkronen auch das Geheimnis der Säfte mitzugestalten; ich will vielmehr damit ausdrücken, daß diese Rokokomalereien, fern von jeder künstlerischen Absicht, die Spuren einer hohen und reinen Seele tragen, und daß kein noch so berühmtes Kunstwerk mich mehr ergreifen wird als sie.
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Man müßte sich einzeln jeden der Tage wieder emporrufen, in deren Kelch diese zarte und zage Seele ein wenig von ihrer Ewigkeit geträufelt hat. Was man auch von ihrem Verlobten redet und geredet haben mag, ich glaube, daß sie nur aus Opferwilligkeit für ihre früher erwähnte Schwester von ihm nichts wissen wollte. Das hat sie den glühenden Blumen, die sie malte, gebeichtet. Das sagen die schwellenden Rosen, die emportaumeln wollen aus ihren Kelchen wie die Herzen der erwachenden Mädchen in den Verzückungen der Maiabende. Von ihren Rosen hat eine besonders und schmerzlich zu mir gesprochen. Die hat sie sicherlich an einem leuchtenden Morgen gemalt, da sie Gott um Gnade gebeten hatte. Kein Wort vermöchte die leidenschaftliche Reinheit dieser Blumenblätter wiederzugeben, aus denen langsam eine Tauträne rollt. O, wie habe ich diese Träne verstanden!
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Du junges Mädchen des hingegangenen Jahrhunderts, hättest du, als dir in deinem immer schattigen Salon diese Träne niederfiel, gedacht, daß eines Tages ich ihrer voll Verehrung gedenken würde? Ich habe sie aufgefangen, und nichts mehr wird ihr köstliches Wasser trüben. Dieser Edelstein voll des Glanzes aus deinem Herzen — O mögest du in Frieden ruhen an der Brust des Herrn! — ist von würdigen und andächtigen Händen in dem chinesischen Schränkchen des großen Salons aufbewahrt worden, und nur zuweilen komme ich und bitte die Freunde, die ihn verwahren, ihn mir zu zeigen. O du, vielleicht hast du an demselben Weh gelitten, davon auch ich ergriffen bin, an der sinnlosen und schweigenden Leidenschaft, die einzig deine Zeitgenossen in ihrer müden Anmut und scheuen Reinheit verstehen konnten!
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