Was wissen wir, wie viele Kalvarienberge es gibt, und wie oft schon der Kreuzweg beschritten worden ist! Wenn uns unter Fingerhüten, Scheeren, Stückchen von Stickerei und Seidenfleckchen, zwischen kleinen Spiegeln, Haarlocken und Kinderzähnen, unter künstlichen Blumen, Fläschchen und längst aus der Mode gekommenen Schmucksachen eine alte „Nachfolge Christi“ in die Hände kommt, erscheint es uns, als ob der Duft des Abgeschlossenen, der an den Seiten haftet, nur eine unendliche Sanftheit in sich trüge. Und doch, wie mögen Hände, die jung waren, und die es nicht mehr waren, vor Warten und vor Weh gezittert haben, während sie dieses Buch hielten!

In der Morgenröte ihres Geschickes mag das junge Mädchen diese Seiten wohl noch in der geheimen Hoffnung aufgeschlagen haben, daß an den Bitternissen doch nicht alle Menschen teilhaben müßten, und daß vielleicht gerade ihr das Schicksal sie ersparen werde. Nur in einem entzückenden Gefühle von Pietät streckte sie damals im Erwachen die schon kräftigen Arme nach der „Nachfolge“ aus. Erst später, in der Mitte ihres Lebens kam sie wieder zu diesem Buche zurück. Die früchteschweren Apfelbäume waren nicht mehr fröhlich wie ehedem ... eine Freudigkeit (ich weiß nicht, was für eine) hatte sie verlassen. Und jenen bunten Schmetterling, der sich vor ihr im heißen Glanze der Tage in den großen Ferien gewiegt hat, den hat sie später nie mehr über den Wiesen erblickt.

Das Alter kam. Und siehe, nun in der Neige ihres Seins hörte sie kaum mehr auf, in dem Buche zu lesen. Es war sieben Uhr abends, draußen schneite es. Die Lampe, die aufzuckend der Stille den Takt schlug, erleuchtete den großen Spiegel, in dem sich das alte Fräulein als das getrübte Bildnis der menschlichen Wandlungen erblickte. Nun sah sie nichts mehr von dem honiggoldenen Haar, das sie sich einst spielend um die zarte Faust gewunden hatte ... Ihre Scheitel waren weiß und streng wie die Binden, in die man die Toten hüllt. Und ihre Wangen, auf deren Erblühen einst viel helles Lächeln wie Apriltage über die Gärten gestrahlt hatte, waren voll der tiefen Furchen, die allgemach der bittere Niederfall der Tränen eingräbt.

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Möge Gottes Frieden sich auf diese Leben der alten Zeit herniedersenken! O, sie haben für mich immer noch die Jugend der Rose, auf der ein Tropfen in solcher Reinheit schimmert, daß man zweifelt, ob er ein Tautropfen oder die Träne eines Kindes, das sein erstes Weh verstört hat, sei. Man tut gut daran, die Toten zu verehren und täglich ihrer zu gedenken! Kein Regenguß rauscht nieder auf die Kronen des Waldes, kein Regenbogen wölbt sich über das wolkendüstere Dorf, keiner Hirtenflöte Klang geht im Herbstwinde verloren, ohne mir Gegenstand für meine Betrachtungen zu werden. Hier, so denke ich, in dieser kleinen Höhle mit ihrem Teppiche aus Farnkraut und Veilchen, mögen sie zuweilen Zuflucht vor den Regenschauern gesucht haben. Hier muß es auch gewesen sein, wo der letzte Guß des Gewitters die Schleife mit den Irismustern davongetragen hat. Und hier, so sage ich mir weiter, in diesem entlegensten Winkel des Parkes, mag das Mädchen vielleicht von ihm geträumt haben, der ihr dort in der Grotte als der Bezauberndste erschienen war. Und wenn sie dann ihre Schwermut fragte, hat ihr nur die Glocke eines verirrten Lammes geantwortet.

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O wie wird jede Kleinigkeit zu einer Welt, wenn man in ihr nicht nur ein poetisches Spiel sucht, sondern die Spuren Gottes in den geringsten Geschehnissen des Alltags. Dächte nicht ein jeder, es sei keine Sache von Bedeutung, um welche Stunde und an welchem Tage ein Kind im Walde Erdbeeren pflückt? Und ist es nicht doch voll Bedeutung, daß an einem Morgen, von dem ich nichts weiß, ein Mädchen in vergangener Zeit unwissentlich einen Tropfen Tau auf einer Rose schimmern ließ und so den Anlaß gab zu dieser meiner Träumerei, die nun zu Ende geht?

BETRACHTUNG ÜBER ASTROLOGIE

Was kann das sein, das mich so bedrückt? Aus welcher Ferne kommt das Schwere, das sich auf mein Herz legt und es bitter macht, wie die Frucht war, die ich eines Morgens im Sande der Sahara gefunden habe?

Der Rosenkäfer ist der Rose untertan, die Rose dem Mädchen, das Mädchen der Liebe und die Liebe wiederum den großen Kreisen der Kräfte, das das Auf und Nieder meines Atmens in Einklang mit dem Meere bringt.