Fordert nicht Gott selber durch diese Unwissenheit, daß man die Toten ruhen lasse in Frieden und ihnen nicht allerorten marmorne Denksteine errichte? Stolzer ist kein Denkmal der Toten als das, das sich tagtäglich rings um uns erhebt. Ein jeder Pfirsichbaum, der in der Blüte steht oder die Last seiner Früchte trägt, ist Denkmal eines Dichters so wie jeder Sperling und jede Ameise. Daß im Garten des Dichters des Eloah der Tulpenbaum golden aufglänzt, daß dort bei den Akazien, wo der Brunnen fließt, die Ziegen den Schatten der Mauer entlang gehen, ist das rechte Grabmal.

Ich weiß bestimmt, daß die, die (wie Valéry Larbaud, André Gide und Guillaumin) sich um das Andenken eines Dichters wie Charles Louis Philippe mühen, nur den edelsten Gefühlen gehorchen. Aber sie sollten doch nicht die Büste, die Bourdelle dem Dichter gemeißelt hat, dem Denkmale gegenüberstehen lassen, das Gott selbst ihm in Cérilly errichtet hat: der Werkstattbude (die wie der Himmel nur eine Türe hat), darin ein Handwerker Holzschuhe macht. Ich weiß wohl, daß das Erz widerstandskräftig ist, wie die zähe Unbeirrbarkeit des Dichters, dessen Beruf es ist (in diesem Sinne gleicht er dem des Fliegers), niederzustürzen aus höchster Höhe und sich, wenn er den Sturz überlebt, noch höher zu erheben. Aber das Erz, das unser Gedenken weiterleben sieht, wird von der Zeit versehrt. Dreihundert Jahre werden hingehn; diese Bergketten werden nicht mehr sein und für ihr einstiges Dasein wird nur mehr die menschliche Logik Zeugnis ablegen, denn sie werden abgetragen und in die Winde verweht sein — und wie sie wird auch die Büste aus Erz dem Erdboden gleich geworden sein. Dableiben aber wird der Geruch des Buchen- oder Nußholzes, eine alte Frau wird da sein, eine kleine Katze, die sich in der Sonne wärmt, eine abgetretene Türschwelle und der Azur des Himmels, und all das Bleibende wird Zeugnis ablegen für Charles Louis Philippe wie dieser Tulpenbaum hier für Alfred de Vigny. Und der Wanderer künftiger Jahrhunderte, der die feierlichen Rhythmen des Einen oder das schlichte Wort des Anderen im Herzen trägt, wird, wenn sein Weg Orthez oder Cérilly berührt, auch nicht einmal mehr daran denken, daß es je eine Büste des Einen oder Anderen habe geben können. Aber mit einem Male werden die beiden Dichter ihm erscheinen: Vigny in einem goldenen Baume, wie ein Römer im Sturme sprechend, Philippe in einer kleinen Werkstatt, die nach Suppe riecht, und deren Tür kreischt, wenn sie sich öffnet.

VON DER BARMHERZIGKEIT GEGEN DIE TIERE

Tief im Blicke der Tiere leuchtet ein Licht sanfter Traurigkeit, das mich mit solcher Liebe erfüllt, daß mein Herz sich als ein Hospiz auftut allem Leiden der Kreatur.

Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem Kopfe vor einem Kaffeehause schläft, der Todeskampf der von einem Wagen zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloche Zuflucht sucht — all diese Leidenden haben für immer in meinem Herzen ihre Stätte. Verböte das nicht die Achtung für den Menschen, ich kniete nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt mir, daß ein Glorienschein über dem Haupte einer jeden dieser Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, groß wie das All, den Gott über sie ausgegossen hat.

Gestern sah ich auf dem Jahrmarkte zu, wie die hölzernen Tiere im Karussell sich drehten. Unter ihnen gab es auch einen Esel. Als ich ihn erblickte, habe ich weinen müssen, weil er mich an seine lebendigen Brüder, die gemartert werden, erinnerte. Und ich mußte beten: „Kleiner Esel, du bist mein Bruder! Sie nennen dich dumm, weil du nicht imstande bist, Böses zu tun. Du gehst mit so kleinen Schritten, und du siehst aus, als ob du im Gehen dächtest: „Schaut mich doch an, ich kann ja nicht schneller gehen ... Meine Dienste brauchen die Armen, weil sie mir nicht viel zu essen geben müssen.“ Mit dem Dornstocke wirst du geschlagen, kleiner Esel! Du beeilst dich ein bißchen, aber nicht viel, du kannst ja nicht schneller .. Und manchmal stürzest du hin. Dann schlagen sie auf dich los und zerren so fest an dem Leitseile, daß deine Lefzen sich aufheben und deine armseligen gelben Zähne zeigen.“

Auf demselben Jahrmarkte hörte ich einen schreienden Dudelsack. Mein Freund fragte mich: „Erinnert er dich nicht an afrikanische Musik?“ „Ja,“ antwortete ich ihm, „in Tuggurt näseln die Dudelsäcke so. Das muß ein Araber sein, der hier bläst.“ „Gehen wir doch hinein in die Bude,“ sagte mein Freund, „es sind Dromedare zu sehen.“

Zusammengepreßt wie Sardinen in der Schachtel drehten sich hier ein Dutzend kleiner Kamele in einer Art Grube. Sie, die ich wie Wellen dahinziehen gesehen habe inmitten der Sahara, da es um sie nichts anderes gab als Gott und den Tod, mußte ich nun hier finden, o Elend meines Herzens! Sie drehten sich, drehten sich immerzu in dem würgenden Raume, und der Jammer, der von ihnen ausging, war wie ein Erbrechen über die Menschen. Sie gingen, gingen immerzu, stolz wie arme Schwäne und in einer Glorie der Verzweiflung, mit grotesken Negerlappen bedeckt, verhöhnt von den Weibern, die hier tanzten, und hoben ihren armen Wurmhals empor, Gott und den wunderbaren Blättern einer Oase des Wahnsinns entgegen.

O Erniedrigung der Geschöpfe Gottes! In der Nähe der Kamele gab es Kaninchen in Käfigen, daneben, als Lotteriegewinste zur Schau gestellt, schwammen Goldfische in Glasballons mit so engem Halse, daß mein Freund mich fragte: „Wie hat man sie nur da hineinbringen können?“ „Indem man sie ein bißchen zusammengedrückt hat,“ antwortete ich ihm. Anderswo wieder wurden lebende Hühner, gleichfalls Lotteriegewinste, vom Kreisen einer Drehscheibe mitgeschleppt. In ihrer Mitte lag, von grauenhafter Angst gepackt, ein kleines Milchschweinchen auf dem Bauche. Schwindel befiel die Hühner und Hähne, sie schrien und hackten in ihrem Wahnsinn aufeinander los. Nun machte mich mein Begleiter darauf aufmerksam, daß tote und gerupfte Hühner inmitten ihrer lebendigen Schwestern aufgehängt waren.

Mein Herz wallt heiß auf in diesen Erinnerungen und unendliches Mitleid ergreift mich.