Während sie sich so besprachen, gelangten die ans Ende des Tierparadieses. Hier begann das Paradies der Menschen. Langohr neigte den Kopf und las über einem Pfahl auf einer blauen, gußeisernen Tafel mit einem Pfeil, der die Wegrichtung anzeigte:
Von Kastetis nach Balansun
5 Kilometer
Der Tag war so heiß, daß die Schrift in dem stumpfen Sommerlicht zu zittern schien. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prächtig und duftete bitter nach Minze.
Und Langohr sah ein Pferd mit einem Karren herankommen.
Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirädrigen Gefährt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein gelockertes Gerippe, daß das Geschirr klirrte, und die helle Mähne flatterte in der Luft, grünlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mühsam, als wären es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe . . .
Da überfiel ein Zweifel, stärker als alle bisherigen Zweifel, die Seele des Hasen und durchbohrte sie.
Dieser Zweifel war ein Schrotkorn, das soeben durch den Nacken in das Hirn des Löffelmanns drang. Ein Blutschleier, schöner als der glühende Herbst, schwebte vor seinen Augen, darin die Schatten der Ewigkeit aufstiegen. Er schrie. Die Finger eines Jägers schnürten ihm die Kehle zu, würgten ihn, erstickten ihn. Es verlangsamte sich sein Herz, das ehemals flatterte wie im Wind die bleiche wilde Rose, wenn sie zergeht um die Stunde, da es Morgen wird und die Hecke die süßen Lämmer liebkost. Einen Augenblick blieb er unbeweglich in der Faust seines Mörders, matt ausgestreckt, lang wie der Tod. Dann schnellte er auf. Seine Klauen krallten vergebens nach dem Boden, sie erreichten ihn nicht mehr, denn der Mann ließ nicht
los. Langohr verrann, Tropfen um Tropfen.
Auf einmal sträubte sich sein Haar, und er wurde den sommerlichen Stoppeln gleich, worin er einst gelegen hatte neben seiner Schwester, der Wachtel, und neben seinem Bruder, dem Mohn; gleich auch der lehmigen Erde, die seine Bettlerfüße benetzt hatten; gleich dem Braun, womit die Septembertage den Hügel bekleiden, dessen Gestalt er angenommen hat; gleich der Kutte des Franziskus; gleich der Wagenspur, von wo aus er sein Abendläuten hörte, die Meute mit den hängenden Ohren; gleich dem starren Felsen, wie ihn der Quendel liebt; er glich in seinem Blick, worin jetzt ein Hauch nächtlichen Blaus schwamm, dem gesegneten Rasenplatz, auf dem ihn einst
das Herz seiner Freundin im Herzen der wilden Ampfer erwartet hatte; in den Tränen, die er vergoß, glich er dem Engelquell, an dem der alte Aalfischer sitzt und seine Netze ausbessert; er glich dem Leben; er glich dem Tode; er glich sich selbst; er glich seinem Paradies.