Was die Sache noch verschlimmerte, war der Charakter des trefflichen Sir Herbert. Sein Schädel entbehrte gänzlich jener idealistischen Knollen, die ein Phrenologe an dem Yussuf Khans gefunden hätte; als Yussuf Khan seine Gesellschaft aufsuchte und ihn zögernd in die stumme Qual seines Geistes einzuweihen begann, begegnete ihm Sir Herbert mit einem trockenen Lächeln und mit Reflexionen über die europäischen Frauen, die Yussuf Khan vor Empörung aufflammen ließen, wie einen neuen Bayard. Erst als es zu spät war, erkannte Sir Herbert, wie die Dinge standen, und änderte seine Taktik; aber seine Versuche, den jungen Regenten für Polo- oder für Regierungsfragen zu interessieren, hatten keinerlei Erfolg mehr. Seine einzige Hoffnung war, daß der Frühling, der die Liebe im Menschen wieder entzündet, auch seine Wirkung auf Yussuf Khan nicht verfehlen würde. Der Frühling kam; doch anstatt bei Yussuf Khan die Liebe zu den hundertfünfzig Frauen wieder zu entflammen, ließ er seinen Idealismus auflodern wie die Scheiterhaufen an den Landstraßen oben im Gebirge. Und was mehr war: der Frühling brachte ihm einen Plan. Da es unwahrscheinlich war, daß die europäischen Prinzessinnen ihn in Nasirabad aufsuchen würden, blieb offenbar nichts anderes übrig, als daß er sie in Europa aufsuchte.
Nun begann Sir Herberts wirkliches Inferno. Endlose Ermahnungen und ironische Ausfälle erwiesen sich als gleich fruchtlos. Den ganzen Sommer streifte Yussuf Khan wie ein unversöhnter Schatten um seinen Palast herum, einen einzigen Wunsch auf den Lippen. Der Sommer Nasirabads, sonst kühl und angenehm gegen den Sommer im übrigen Indien, wurde für Sir Herbert so allmählich heißer als der Bikanirs. Die Quellen seiner Ironie vertrockneten vor Yussuf Khans asiatisch glühender Halsstarrigkeit. Er wurde nervös und reizbar, er verlor seine kühle Erhabenheit gegenüber den Phänomenen des Lebens und seine Arbeitsfreude. Endlich faßte er Ende Juli seinen Entschluß und schrieb an den Vizekönig in Simla: Konnte man es riskieren, einen vom Gifte des Idealismus fieberkranken Himalaya-Löwen auf Europa loszulassen? Waren die heiratsfähigen europäischen Prinzessinnen unfallversichert? Hatte nicht Pasteur irgendeine Behandlungsmethode für diese neue Form der Rabies?
Die Antwort des Vizekönigs, die mit bis dahin unbekannter Spannung in Nasirabad erwartet wurde, lautete kurz und bündig: Lassen Sie den jungen Idioten reisen, aber sorgen Sie für Bewachung.
Sir Herbert stieß einen Seufzer unsäglicher Erleichterung aus. In einer Woche waren die Arbeiten an Yussuf Khans Ausrüstung in vollem Gange — dieser Zeitraum war nötig, um die Begriffe des jungen Regenten über die Pracht, die bei der Werbung um eine weiße Prinzessin entfaltet werden sollte, ein wenig zu modifizieren. Nachdem Elefanten, goldschabrackengeschmückte Stuten und eine Eskorte von zweihundert stummen Sklaven aus dem Programm gestrichen waren, blieb noch ein Punkt; in dem er sich unerschütterlich zeigte: Die Kronjuwelen Nasirabads vom ersten bis zum letzten mußten mitgenommen werden. Selbst mit dieser Pracht wußte er nur zu gut, wie unendlich gering seine Aussichten waren, die geträumte stolze Prinzessin zu erringen: ohne die Juwelen waren diese Aussichten winziger als die Eier der weißen Ameise. Sir Herbert zuckte die Achseln; tatsächlich konnte er in diesem Punkte nichts machen, denn die Juwelen waren Yussuf Khans Privateigentum. Er begnügte sich damit, sich die Juwelen zeigen zu lassen; es war ein sehenswerter Anblick. Er wußte vom Hörensagen, welche Schätze der alte Ibrahim Khan in seiner Juwelenkammer aufgestapelt hatte, aber bisher waren sie ebenso sorgsam vor seinen Augen verborgen gewesen, wie die hundertfünfzig Damen in Yussuf Khans Harem. Es war eine Pyramide von Diamanten, Perlen, Topasen, Smaragden, Rubinen und Gold, ein lichtsprühender Wasserfall von Farben. Halb geblendet von dem, was er gesehen, beeilte er sich, für eine möglichst solide Verpackung der Schätze Sorge zu tragen.
Wir werden Gelegenheit finden, später von ihnen zu sprechen.
Am 15. August ums Morgengrauen verließ Yussuf Khans Freierzug Nasirabad. Die Sonne ging eben hinter den Kämmen des Himalaya auf, und das Schloß Nasirabad mit seinen schlanken Türmen war wie in ein Netz von weißem Licht verstrickt. Die Kanonen der Bastion verkündeten dröhnend die Botschaft von der Abfahrt des Regenten, und das Volk wimmelte in den Straßen, um Yussuf Khan auf seinem Schimmel zum Stadttor hinausreiten zu sehen, durch das Sir George Merriman vor fünfundzwanzig Jahren eingezogen war. Sir Herbert gab dem Maharadscha bis zum ersten Pferdewechsel des Abends das Geleite. Dann kehrte er zu seinem Tagewerk zurück, froh in dem Bewußtsein, daß die Aufsicht über diesen beschwerlichen Schützling seinem alten barschen Freunde, Oberst Morrel, anvertraut war, seit zehn Jahren Militärkommandant von Nasirabad. Außer diesem befand sich keine andere Persönlichkeit von Rang im Gefolge als Yussuf Khans alter eingeborener Lehrer, der sechzigjährige Hofdichter Ali.
Der Abendhimmel zwischen den Talwänden, durch die Yussuf Khan mit seinem Gefolge verschwand, war ein feuerlilienflammender Gürtel über einer Region von blendendem Pfingstlilienweiß — gleichsam ein himmlischer Versuch zu einer Heraldik für seine Rechnung, als er nun seine Freierfahrt in das Land der weißen Prinzessinnen antrat. Mit einem Lächeln über die Aussichten von Yussuf Khans Werbeplänen wandte Sir Herbert seinen Traber wieder Nasirabad zu, froh, in Ruhe seine Arbeit wieder aufnehmen zu können, und seine ironische Betrachtung der Phänomene des Lebens aus den Fenstern der Residenz, die auf die Felsentäler Nasirabads blickten.
V
Das große Hotel (Fortsetzung)
„Waren Sie oben, und haben Sie ihn gesehen, Miß Helen?“
„Gewiß. Nicht alle bleiben bis zum Lunch liegen, wie Sie, Mr. Cray. Einen hübschen Schlips haben Sie da.“