Hoch über den Gassen hob sich die türkische Zitadelle mit ihren Mauern und Zinnen, Basteien und Türmen empor. Von der Brücke aus bot sie, steil vom Fluß ansteigend, umwachsen von Pappeln, ein schönes Bild. In gelblichen und rötlichen Tönen hob sich das Mauerwerk über grauen Felsen ab; im Frühling leuchteten grüne Rasenflecken und blühende Obstbäume zwischen dem alten Gemäuer hervor. Das da oben also war die Zwingburg, von der aus das ganze Land mit seiner slavischen Bevölkerung hunderte von Jahren unter dem türkischen Joch gehalten worden war.
Kletterte und glitt man über die glatten, knolligen Pflastersteine die Berggassen hinauf, so öffnete sich jeden Moment ein eigenartiges Bild vor einem. In den offenen Vorderräumen der kleinen einstöckigen Häuser spielte Handel und Wandel in voller Öffentlichkeit sich ab, das übliche Bild, welches jede Stadt des Orients von Marokko durch den nahen und fernen Osten bis nach China und Japan hin bietet.
Abb. 126. Eßwarengeschäft in Üsküb.
Auch hier fand sich gassen- und viertelweise je ein Handwerk beieinander. Die Schreiner und Schlosser, die Kupferschmiede, die Schuster, die Schneider saßen Haus neben Haus, hier die Konkurrenz dicht beieinander. Es war schön von der grell-besonnten Straße in das Dämmerlicht des Raumes zu schauen, wo im Hintergrund der Schmied mit nacktem Oberkörper den Hammer schwang, daß die Funken bis auf die Gasse hinausstoben Stoffe und Teppiche hingen auf die Straße hinaus und wehten im Wind wie Flaggen über die Menschen hinweg, die vorübergingen.
Wo feineres Gewerbe hauste, waren die Öffnungen verglast, hinter den Scheiben sah man manchen feinen Greisenkopf über zierlicher Gold- und Silberarbeit geneigt. Dort wurden Bronze- und Messinggefäße gehämmert, hier duftende Kästchen und Platten aus Sandelholz gefertigt und mit zarten Ornamenten aus Silber eingelegt.
Dazwischen tauchten nüchterne Läden mit europäischem Tand, mit Kolonialwaren, mit Emailgeschirr oder Porzellan, Glas und Blech auf. Der Friseur und der Apotheker fehlten nicht, beide Gruppen von Männern versammelnd, die schwatzten und Zigaretten rauchten. Auch das Kaffeehaus fehlte nicht mit seinen wackeligen Tischen, lahmen Stühlen, dem bespuckten Boden und dem meist noch in der Zeit der Not erträglichen Kaffee. Es sei übrigens zugestanden, daß am Wardar ein stattliches, anständiges Kaffeehaus mit einem Terrassengarten am Fluß sich befand, in welchem die Deutschen meist ihre Festlichkeiten abhielten.
Die Türken, besonders die alten Männer, gingen oft noch in wallenden Gewändern mit Turban oder Fez. Die slavischen Stadtbewohner jedoch waren alle mitteleuropäisch gekleidet, oft recht gut, meist aber mit der schäbigen Eleganz der Kleinstadt. Sehr auffallend waren in der Türkenstadt zwei weitere Typen der Bevölkerung, die Juden und die Zigeuner. Unter den Juden, von denen viele Handwerker, oft Feinarbeiter, so Juweliere und Uhrmacher waren, gab es prächtige, würdige alte Köpfe.
Die Zigeuner dagegen waren ein schmutziges Gesindel. Oben auf dem Berg hinter der Zitadelle auf dem Weg zu meinem Üsküber Standquartier im Ortsspital I der Bulgaren kam ich täglich durch das Zigeunerviertel. Es bestand aus verlotterten, zum Teil halb- und dreiviertel zerfallenen Häusern und Hütten. Diese bildeten ein wirres Durcheinander, mehr wie ein Lager von Nomaden, als wie eine Stadt oder ein Dorf aussehend. Im Eingang zu den Hütten oder vor ihnen auf dem Boden saßen und lagen die Männer, Weiber und Kinder am Boden herum; im Sommer gähnend und schlafend, im Winter und auch sonst am Abend sah man sie ein offenes Feuer mühsam unterhalten, irgendwo in einer Ecke, einerlei ob im Haus, vor diesem oder auf der Straße.
Die Kinder waren kaum bekleidet oder ganz nackt und liefen bettelnd auf die Straße herüber, wenn ein Wagen vorbeifuhr oder ein besser gekleideter Fußgänger vorbeiging, besonders wenn es gar ein Offizier war. Die alten Weiber, scheußliche Vetteln, die so aussahen, wie wir uns als Kinder Hexen vorgestellt haben, waren nicht selten auch kaum bekleidet, trugen oft den Oberkörper unverhüllt.