Daß in diesem Viertel ein Spaziergang zur Nachtzeit nicht ohne Gefahr war, konnte man aus den vielen Verbrechen erschließen, die dort vorkamen. Immer wieder hörte man von Mord und Raub, aber auch von fürchterlichen Eifersuchts- und Eheszenen, die im Zigeunerdorf vorgefallen waren.
Wenig auffallend waren die wenigen Spaniolen, die man gelegentlich in Üsküb traf; sie hatten dort wie in allen Städten des Balkan als Handelsleute und Makler ihre Rolle gespielt. Diese Abkömmlinge spanischer Juden, die vor Jahrhunderten sich in der Türkei angesiedelt hatten, bilden bekanntlich einen wesentlichen Teil der Bevölkerung von Saloniki. Jetzt in der Kriegszeit waren sie hier im mittleren Mazedonien verschwunden und nur einige wenige dieser sprachgewandten, gebildeten Leute waren als Dolmetscher bei Deutschen und Bulgaren verwandt. Ein solcher begleitete mich auf einer Gebirgsexpedition im Juni 1918 und bewährte sich dabei sehr.
Ebenso traf man im besetzten Gebiet selten Griechen, die ja sonst auf dem ganzen Balkan ein wichtiges Element darstellten. Sie konnten sich natürlich als Feinde nicht dieseits der Front aufhalten. Auf manchen Reisen habe ich allerdings griechische Siedelungen, besonders im Frontgebiet im Süden, angetroffen. Von ihnen wird im gegebenen Zusammenhang die Rede sein.
Ebenso sah man in Üsküb von einem in Mazedonien zerstreuten Volk selten einen Vertreter, und wenn man ihn sah, dann wie den Spaniolen oder Griechen, nicht ohne weiteres als solchen erkennbar in irgendeiner bürgerlichen Tätigkeit. Es sind das die Aromunen oder Kutzowallachen, ein Volk, von dem ich bei der Schilderung des Besuches seiner eigenartigen Gebirgsstädte Krusevo und Gopes manches zu berichten haben werde.
Wenn man sich nun vorstellt, daß zu diesen normalen Bewohnern Mazedoniens und Üskübs während des Krieges als Soldaten der Heeresgruppe und als Kriegsgefangene Deutsche aus allen Gauen, Österreicher, Ungarn, Tschechen, Kroaten, Bosnier, Dalmatiner, Russen, Polen, Rumänen, schwarze und weiße Franzosen, Engländer und Italiener kamen, so kann man sich eine Vorstellung von dem Völkergewimmel machen, welches auf einmal dies sonst von der Welt so abgeschlossene Land überfallen hatte.
Abb. 130. Türkischer Schafhirt bei Üsküb.
Ich habe mich nun in keiner Weise in völkerkundliche oder anthropologische Studien während meines Aufenthalts in Mazedonien versenkt. Dazu fehlte mir die Zeit, welche durch meine Forschungen als Zoologe vollkommen in Anspruch genommen wurde. Aber ich hielt meine Augen offen für alles, was die Völker Mazedoniens mir Interessantes gelegentlich meiner Reisen zeigten. Das mag als Material für Kenner dieser Gebiete dienen.
Vor allem möchte ich aber Beobachtungen an und Erlebnisse mit meinen Freunden, den Bulgaren, aufzeichnen, die geeignet sein können, ein richtiges Urteil über dies Volk bei uns zu befestigen, das mit uns nun einmal durch Schicksal zusammengebracht worden ist.
Elemente der hier angeführten Völker kann man in ganz Mazedonien antreffen. Dabei wiegt in manchen Bezirken die eine oder die andere Nationalität vor. Im äußersten Westen überwogen die Albaner, im Südwesten und Zentrum die Bulgaren, an der Südgrenze die Griechen, im Norden die Serben. In vielen Gegenden hatte die Zahl der vor wenig Jahren noch überall verbreiteten Türken abgenommen, da viele von ihnen ausgewandert waren. Überall war es schwer, bei kurzem Aufenthalt ein klares Bild zu erhalten, welcher Volksteil vorherrsche.