SECHZEHNTES KAPITEL
ÜSKÜB ALS STANDQUARTIER
Üsküb, mit dem bulgarischen Namen Skopje, bot als Standquartier viele Vorteile. Zunächst lag es zentral und hatte Bahnen und Verbindungswege nach allen Seiten. Dazu war es der Sitz des Oberkommandos der Heeresgruppe, welche eine deutsche, zwei bulgarische Armeen und eine Anzahl österreichische und türkische Truppen umfaßte. Hier hatte nach der Eroberung des Landes v. Mackensen sein Hauptquartier gehabt, nach ihm v. Gallwitz und jetzt befehligte v. Scholtz die Heeresgruppe. So konnte ich hier mehr Hilfe und Unterstützung erwarten, als in dem kleinen, abgelegenen Kaluckova mit den bescheidenen Hilfsmitteln eines Lazaretts.
Abb. 131. Blick über die Türkenstadt von Üsküb.
Vor allem aber lockte mich eine Einladung eines bulgarischen Freundes, welcher jenseits der Zitadelle in der sogenannten englischen Mission als Chefbakteriologe der I. Bulgarischen Armee saß. Es war dies Prof. Popoff, ein ehemaliger Schüler des zoologischen Instituts in München, damals auch mein Schüler, ein anhänglicher, treuer Freund deutscher Kultur und Wissenschaft. Er stellte mir einen Teil seines bakteriologischen Laboratoriums zur Verfügung und die Möglichkeit mit meinen Tischen, Schränken und Apparaten bei ihm Unterkunft zu finden. Der Chefarzt des großen Spitals, dem Popoffs Laboratorium angegliedert war, Dr. Molloff, ein guter Internist, der später Vertreter dieses Faches an der Universität Sofia wurde, bot mir Quartier und Gastfreundschaft im Ärztekasino des Ortsspitales an. Das war eine schöne Gelegenheit, mit hochgebildeten Bulgaren zusammenzuleben, von ihnen manches über ihr Volk, ihre Ziele, ihre Kultur zu erfahren und manche meiner wissenschaftlichen Unternehmungen erleichtert zu bekommen.
Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Als ich nach 9 Monaten mich von den Bulgaren trennte, hatte ich nicht nur in Popoff, dem Dr. Molloff und dem Dermatologen Stefanoff gute Freunde, sondern auch manchen tiefen Einblick in bulgarisches Wesen und Volkstum gewonnen.
Die Umgebung von Üsküb, das Wardartal und die angrenzenden Gebirge boten mir manche Gelegenheit zu wissenschaftlichen Beobachtungen, die ich in dem Laboratorium Prof. Popoffs regelrecht verarbeiten konnte.
Anfang Februar 1918 zog ich auf dem Zitadellenberg über Üsküb ein und schlug meine Wohnstätte in dem stattlichen Steinbau des Hospitals, meine Arbeitsstätte in dem geräumigen Laboratorium Prof. Popoffs auf. Die schönen Tage ersten Vorfrühlings gaben mir schon Gelegenheit zu manchen Beobachtungen im Freien, als ein Wetterrückschlag wieder tiefen Winter über die Landschaft legte. So lernte ich noch bitteren mazedonischen Winter kennen mit tiefem Schnee im Tal und Kältegraden von 5-10° unter Null. Zum Glück war mein Zimmer gut heizbar, so daß man nach den Schneespaziergängen sich wärmen konnte.
Die Wanderungen durch die Türkenstadt brachten manchen seltsamen Eindruck. Schwere Schneemassen lagen auf Dächern und Mauern und kaum konnte man sich durch die engen Gassen einen Weg bahnen. Es war ein unerwarteter Anblick, die Minarets und Kuppeln der Moscheen unter dicken Schneehauben zu sehen. Allen Schmutz und alle Zerstörung deckte die weiße Decke zu; so sauber hatte man Üsküb noch niemals erblickt, als unmittelbar nach dem Schneefall.