Abb. 134. Kanal mit Pappelallee in Üsküb.

Im Gesamtbild von Üsküb spielen überhaupt die Pappeln eine beherrschende Rolle. Überblickte man die Stadt von der Zitadelle aus, so sah man vor sich hauptsächlich die Südstadt liegen, die mit ihren gleichmäßigen Häusern in der Flußebene ausgebreitet reizlos gewesen wäre, hätte nicht eine mächtige Pappelallee sie malerisch gegliedert, so daß sie sich schön von dem eigenartigen Umriß des Wodno abhob, des Berges, der südlich der Stadt auf 1100 m Höhe ansteigt. Diese Allee begleitete nicht eine Straße, sondern einen breiten Bewässerungskanal, der längs eines großen Teiles der Stadt hinzog. Wer ins Kriegslazarett in der türkischen Kaserne hinaus wollte, der vermied gern die staubige Landstraße und turnte lieber auf den Dämmen des Kanals entlang, die frischere Luft und eine Augenweide darboten. Die silberweißen Stämme mit ihren dunkelen Ringflecken spiegelten sich auf dem stillen, dunkelgrünen Wasser des Kanals, zu welchem sich von den Ufern üppige Kräuter und Büsche hinabneigten. Bunte Enten plätscherten schnatternd im Kanal. Zwischen den säulenähnlichen Stämmen der Pappeln blickte man nach Süden auf die vom Kanal bewässerten, reichen Gemüsegärten, in denen Salate, Kohl und Kräuter, Tomaten, Melonen und schwarzblaue Auberginen zwischen Obstbäumen herrlich gediehen. Nordwärts schweifte der Blick über die im grellen Sonnenschein glühenden farbigen Häusermassen der Türkenstadt mit ihren Moscheen und Minarets, welche den Berghang drüben bedeckten.

Es waren vor allem die Abendstunden, welche zu einem Spaziergang in der Türkenstadt verlockten. Die Moscheen und Kirchen lagen meist hoch am Berg, so daß man von ihnen aus wundervolle Aussichten über Teile der Stadt, über das Wardartal und das weite Land genoß. Im Frühling schwebten meist große Wolkenballen am Himmel, wenn die Sonne hinter dem Schardakh hinabsank und nicht nur jene vergoldete, sondern auch tief in die Gassen der Stadt ihre verklärenden Strahlen auf die roten, gelben oder grell weißen Wände der Häuser, Moscheen und Türme warf. Dann war es außerordentlich reizvoll, die engen Gassen zu durchwandern und die eigenartigen Bauwerke zu besuchen, welche zum Teil recht sehenswert waren.

Unter ihnen sind besonders malerisch die ruinenähnlich aussehenden, runden, kuppelbedeckten Teile eines alten türkischen Bades. Wie eine Gruppe von kleinen, breiten Türmen nimmt sich das ganze Bauwerk aus, dessen Mörtelbewurf zum Teil abgefallen ist. So treten die Reihen von roten Backsteinen und graugelben Hausteinen bunt hervor, aus denen schichtenweise die Wände erbaut sind. Die halbkugeligen Kuppeln, recht baufällig, sind mit Gras und Büschen bewachsen, so daß man zunächst nicht recht weiß, ob es sich um Werke des Menschen oder um Erzeugnisse der Natur handelt. Aber ein farbiges Bild bieten sie dar, im Schein der Abendsonne ([Abb. 135]).

Ähnlich sahen die Kuppeln einiger zerfallender Moscheen aus, die man in den verschiedenen Stadtteilen antrifft. Noch eigentümlicher mutet eine alte Karawanserei an, welche auf die Zeit des Serbenzaren Stephan Duschan, das 14. Jahrhundert, zurückgeführt wird. Kurschumli-Han, d. h. Blei-Han, wird das Gebäude genannt, wegen der kleinen Bleikuppeln, welche Gemächer des oberen Stockwerks überwölben. Ein Han ist eine Karawanserei, ein Absteigequartier des Reisenden, vor allem des Kaufmanns, der mit seinen Tragtieren, Dienern, Führern und Gepäck hier in alten Zeiten Unterkunft fand. Solche Hans sind charakteristisch für den ganzen Orient.

Abb. 135. Altes türkisches Bad in Üsküb.

Der Kurschumli-Han ([Abb. 136]) in Üsküb ist wirklich eine Sehenswürdigkeit. Es ist ein stattliches, fast burgähnliches Gebäude von guten Verhältnissen. Durch eine weite Torhalle tritt man in einen säulenumgebenen Hof von eigenartigem Reiz. Mitten auf dem gepflasterten Boden des Lichthofes befindet sich, von Marmorplatten umfaßt, ein vertieftes Brunnenbecken, in dessen Mitte auf kurzer Säule sich eine skulptierte Schale erhebt. Den Hof umgeben zwei Stockwerke säulengetragener Bogen. In der Hinterwand dieser Loggien führen Rundbogentüren in die Räume, in denen die Reisenden mit ihrem Gepäck Unterkunft fanden, während im Hofraum ihre Reit- und Tragtiere lagerten und gefüttert und am Brunnen getränkt wurden. Zur Zeit meines Besuches war allerdings der Brunnen trocken.

Das Eigenartigste war aber die Farbe des Bauwerks, die Säulen und Bogenwände trugen ein strahlendes Blau, während die Hinterwände mit einem Rot gestrichen waren, welches an Wände in Pompeji erinnerte. In dem starken Licht des mazedonischen Tages bot der Hof ein prachtvolles Bild dar. Was mag da oft ein buntes Leben sich abgespielt haben, als der Han noch seinem eigentlichen Zweck diente. Jetzt während des Krieges wurde er als bulgarisches Proviantmagazin benutzt. Wenn die gewaltigen Tore des Gebäudes mit den schweren Eisenbalken geschlossen waren, dann mochten sich die Reisenden und die Kaufleute mit ihren Waren hier sicher fühlen vor dem Gesindel der einstigen Großstadt.