Dr. Laser phot.
Abb. 15. Diptam (Dictamnus albus L. var. macedonicus Borb.).
Als ich die Hügel wieder hinabstieg, blieb mir Zeit, einige Pflanzen genauer zu betrachten, denen ich beim Anstieg bei der Fülle der Erscheinungen weniger Beachtung geschenkt hatte. Zarte phantastische Blumen von rotvioletter Farbe bildeten prachtvolle Sträuße, die einen betäubenden aromatischen Geruch ausströmten. Es war der Diptam (Dictamnus albus L. var. macedonicus Borb.) ([Abb. 15]), bei uns in Deutschland eine große Seltenheit an klimatisch bevorzugten Stellen. Hier standen die Büsche in üppiger Fülle; die großen Sträuße, die man von ihnen ins Quartier mitnahm, wurden durch die Stärke ihres Geruchs bald unangenehm. Versuche auch bei dieser Form, wie es sonst beschrieben wurde, das ausgespritzte ätherische Öl zu entzünden, mißlangen mir bei der hier vorkommenden Art.
Einen eigenartig phantastischen Anblick bot eine Pflanze dar, die unten an den Hügelhängen in großer Menge vorkam. Es war ein riesiger Aronsstab, dessen purpurbraune Blüte in einem Strauß hellgrüner Blätter steckte. Die Pflanze ragte meist über einen Meter hoch aus Stacheleichenbüschen hervor, wie das nebenstehende Bild zeigt ([Abb. 16]). Eigenartig leuchtete der gelbgrüne Stempel auf dem tiefbraunen Grunde des Becherinnern. Ein unangenehmer Aasgeruch entstieg dem Kelch, in dem kleine Fliegen in Menge sich sammelten, um da die Befruchtung zu vermitteln.
Wo man über die Hänge schaute, überall sah man die mächtigen Pflanzen mit ihren Knospen und offenen Blüten emporragen. Fast nie aber standen sie frei zwischen den Büschen, sondern die meisten von ihnen ragten aus stachelichen Büschen hervor, meist aus denen der Stacheleichen. Offenbar waren nur diejenigen Individuen dieser Pflanzenart (Dracunculus vulgaris Schott.) von den weidenden Tieren verschont geblieben, welche innerhalb von Stachelsträuchern ausgekeimt waren. Es mutete direkt wie ein Symbioseverhältnis zwischen den zwei Pflanzen an, wenn man stets die zartblättrigen Aronsstäbe aus den stachelichen Gebüschen herausschauen sah. Auch sonst habe ich nicht selten in Mazedonien zarte Pflanzen in solcher Weise Schutz im Gehege stachelicher Sträucher suchen sehen.
Über den Blumen schwebten zahlreiche Schmetterlinge, vor allem Bläulinge, Weißlinge und Scheckenfalter. Die Arten waren den deutschen Formen sehr ähnlich, doch ließen sich stets gewisse Unterschiede erkennen. Ganz außerordentlich zahlreich flogen hier die Bienenarten. Auf den Blüten versammelten sich Käfer, Blattwanzen, Schlupfwespen, Fliegen verschiedener Arten.
Abb. 16. Aronsstab im Schutz der Stacheleiche (Dracunculus vulgaris Schott. in Quercus coccifera L.).
Zwischen den Pflanzen waren kahle Stellen, bedeckt mit Steinen, Erde, Sand und Geröll. Dort war alles von einem eigenartigen Tierleben erfüllt. Außer Bienen hatten im Lehm zahlreiche Raubwespen ihre Bauten. Ameisen arbeiteten eifrig an ihren Erdbauten und es war auffällig zu beobachten, daß so viele ihrer Arten in der Erde bauten; um die Ausgänge ihrer Nester fand sich bei einer ganzen Anzahl nicht näher untereinander verwandter Arten jeweils ein Ringwall von Bauschutt. Steinchen und Sandkörner waren aus der Tiefe herausgeholt und um den Nestausgang angehäuft. Man konnte das gleiche bei Arten von Messor, Tetramorium und Cataglyphis beobachten. Offenbar herrschte bei allen rege Bautätigkeit, denn überall sah man sie aus den Nestern herauskommen und auf ihren Straßen wandern, die schwarzen Körnersammler, die gelben Rasenameisen und merkwürdig bunt gefärbte, in merkwürdiger Haltung sehr flink umherhuschende Cataglyphisarbeiter.
Wo in einer Mulde etwas Sand und Staub zusammengeblasen oder angeschwemmt war, da hatten in dem lockeren Material Ameisenlöwen ihre Trichter gebaut. Es waren weite, tiefe Trichter, an deren Grund schon entwickelte große Larven saßen, die emsig Ameisen fingen. Wie ich später feststellen konnte, waren es besondere, von den unserigen abweichende Arten.