Zwischen den Vorbergen der Plaguša Planina und dem Wardar dehnt sich eine weite, fruchtbare Ebene aus. Sie ist offensichtlich Schwemmland des Wardar, seiner Nebenflüsse und der Bäche, die ihm von den Randbergen zuströmen. Vollkommen flach erstreckt sie sich auf eine Länge von 10 km und eine Breite von 6-8 km. Ihre Längenerstreckung geht in der Hauptsache von Nordwesten nach Südosten, so wie der Wardar fließt, der sie südwestlich begrenzt. Jenseits, westlich des Flusses begleitet ihn in kurzem Abstand ein reichgegliedertes Hügelland, hinter welchem die bewaldete Marianska Planina bis 1500 m ansteigt. Hinter dieser Kette folgt ein malerischer Gebirgsstock, die Mala Rupa und Dudica, die über 2200 m emporsteigen, und noch im Juni auf der Nord- und Ostseite mit Schnee bedeckt sind. Im Norden und Osten zieht sich die Plaguša Planina mit ihren stark verarbeiteten und zerschnittenen Felsenhöhen von etwa 1000 m in sehr charakteristischer Umrißlinie gegen Valandova hin; zu diesem Städtchen senkt sich das Gebirge, unterbrochen von einer Reihe allmählich niedrigerer Gipfel hinab. Auf einem der letzten dieser Gipfel erhebt sich als weithin sichtbare Landmarke die Ruine einer Türkenburg. Der letzte Gipfel der Kette ragt als charakteristischer Vorsprung in die Hudovaebene hinein, wegen seiner eigentümlichen Form hieß er bei unseren Truppen die Muhnase. Angeblich sollte er diesen Namen der Ähnlichkeit mit der Nase des Generals der Mu. (Munitionskolonnen) verdanken.
Am Hang der Plaguša Planina zieht sich eine Reihe von Dörfern hin, Kaluckova mit dem Seuchenlazarett, Kalkova mit einem Pferdelazarett, Ahranli, Terzeli, Veseli, Piravo mit einem Offizierserholungsheim. Alle liegen sie in Nischen des Gebirges, beziehen ihr Wasser aus tief eingeschnittenen, hoch zum Gebirge hinaufreichenden Schluchten. So sind sie meist malerisch von Baumgruppen eingehüllt, unter denen schlanke Pappeln besonders weithin sichtbar sind. Aber alle, am wenigsten noch Piravo, hatten stark vom Krieg gelitten und die weithin schimmernden Häuser, welche die Dörfer so reizvoll und anziehend erscheinen ließen, waren meist Ruinen wie in Kaluckova.
Die ganze Ebene stand im späten Frühling in grüner Pracht, die aber nur ein schwacher Abglanz von ihrem Zustand im Frieden sein konnte; denn viele der Pflanzungen lagen jetzt brach und waren verwildert. Vom Rand der Hügel bis weit in die Ebene hinein zogen sich stattliche Weingärten, die reichlich Knospen und aufgehende Blüten trugen. Obgleich an vielen Stellen Spuren von Reblausbefall bemerkbar waren, brachten die Reben im Herbste reichen Ertrag, der in dem herrenlosen Gebiet den bulgarischen und deutschen Truppen sehr zugute kam. In der Ebene selbst nehmen Pflanzungen von Maulbeerbäumen den größten Raum ein. In geraden Reihen durchzogen die Bäume weite Flächen; man sah ihnen noch die frühere, regelmäßige Beschneidung an. Meist war der Stamm in 1½ m Höhe beschnitten und strahlte ähnlich wie unsere Kopfweide von einer keulenförmigen Anschwellung in dieser Höhe einen Büschel von langen Ruten aus. Einzelne der Bäume trugen jetzt schon reife Beeren, die süß und saftig waren und bei den heißen Wanderungen über die Ebene eine angenehme Erquickung boten.
Abb. 19. Ebene von Hudova und erste Hügel mit Buschvegetation im Hochsommer.
In der zweiten Maihälfte war es schon recht heiß geworden; am Nachmittag waren regelmäßig schon 22-27° C im Schatten zu messen, also Temperaturen, bei denen unsere Schulkinder zuhause schon „Hitzferien‟ gehabt hätten. Ein wunderbarer blauer Himmel wölbte sich über der Ebene, meist am Nachmittag von großen weißen Wolkenballen durchsegelt, welche mächtige Schatten auf die umgebenden Berge warfen. Seufzend wanderte mein tüchtiger Bursche an meiner Seite, ein braver Bergwerksarbeiter vom Niederrhein namens Saddeler. Das war die erste Hilfe, die mir die Armee zugewiesen hatte. Er versorgte mich gut und faßte sofort Interesse für meine Tätigkeit, wanderte flott und eifrig mit mir durch das Land, wenn auch für seine Bergmannsaugen das Sonnenlicht Mazedoniens eine neue Gewöhnung erforderte. Ich erinnere mich gern an den tüchtigen Mann, der nach einigen Wochen zur Bergwerksarbeit heimgerufen wurde und mir von dort noch öfter Nachricht schickte.
Als ich die Ebene von Hudova durchstreifte, begleitete mich Saddeler zum ersten Mal und war fleißig mit mir auf der Jagd nach Insekten. Stundenlang konnte man durch die Maulbeerpflanzungen wandern, behindert nur manchmal durch die verwilderten Hecken. Hier war es einsam und die fleißigen Arbeiter fehlten, die sonst im Dienste des Seidenbaues emsig tätig gewesen waren. Im unteren Wardartal war ein Zentrum der Seidenkultur des Balkans gewesen. Die Maulbeerbäume lieferten das Laub als Futter für die Raupen des Seidenspinners und wurden von der hier im Gebiet schon stark mit Griechen vermischten Bevölkerung fleißig gepflegt. Die Dörfer am Rande der Ebene, so besonders Piravo, lebten vom Seidenbau und in vereinzelten Häusern konnte man jetzt auch im Kriege noch die Hürden mit Raupen bei der Fütterung und mit den Puppen in ihren Kokons in den Händen der Leute sehen. Aber im großen und ganzen ruhte der Seidenbau und die großen weißen Häuser von Gewgeli, dem Zentrum des Seidenhandels, die man von den Höhen aus fern am Wardar im Süden schimmern sah, waren zerschossen und die ganze Stadt verödet. Zwischen den Maulbeerbäumen der Ebene von Hudova weideten große Herden von Ziegen, Rindern und Pferden, die jetzt am Boden noch reichlich Futter fanden. Später im Jahr jedoch, wenn Gras und Kräuter verdorrt waren, da sah man die Weidetiere an den Maulbeerbäumen sich das letzte Grün holen. Es war ein bizarrer Anblick, wenn magere Rinder und Ziegen, selbst Pferde mit den Vorderbeinen in die Bäume stiegen und von den obersten Zweigen die Blätter abrupften.
Dr. Laser phot.
Abb. 20. Frühlingswiese mit Granatapfelbusch bei Kaluckova.