Teils unter den Maulbeerbäumen, teils zwischen ihnen dehnten sich prachtvolle Felder von Roggen, Weizen, Gerste und Hafer aus, welche im Jahre 1918 durch die Arbeit unserer Truppen gewaltig zugenommen hatten. Der sandige Schwemmboden des Hudovatals trug reiche Frucht, wenn er gut bearbeitet wurde. Dabei war in vielen Gewannen künstliche Bewässerung notwendig. In der Ausnützung der Schluchtbäche, der Nebenflüsse des Wardar und dieses Flusses selber haben unsere Soldaten viel von den Bulgaren gelernt, welche auf diesem Gebiet ausgezeichnete Fachleute sind.

Manche Teile der Ebene glichen einem reichen Garten; da rankten an den Maulbeerbäumen die Reben hinauf und zwischen ihnen waren Tomaten, Zwiebeln, Bohnen angepflanzt. Die Reben wurden hier im Gebiet hauptsächlich zur Rosinenerzeugung gezogen. Wie ein Mittelpunkt des Seidenhandels, so war Gewgeli auch eine Stätte des Rosinenhandels gewesen. Der Wein blühte hier zwischen dem 15. Mai und 1. Juni; die Trauben reiften von Ende Juli an und hielten sich bis tief in den Herbst hinein. Die Bevölkerung des Tals hatte unter den relativ ruhigen Verhältnissen während unserer Besetzung den Anbau immer mehr aufgenommen. So sah man oft Männer, Frauen und Kinder schon in der ersten Morgenfrühe und bis spät in die Nacht auf den Feldern arbeiten.

Abb. 21. Blühendes Mohnfeld. Mitte Mai bei Valandova 1918.

Besonders auffallend war für unsere deutschen Augen der Anbau von zwei Ackerpflanzen, von Mohn und Baumwolle, die hauptsächlich im südöstlichen Teil der Ebene, gegen Piravo und Valandova hin, viel gepflanzt wurden. Die blühenden Mohnfelder gehörten in der ersten Maihälfte zu den köstlichsten landschaftlichen Reizen dieser Gegend ([Abb. 21]). Unter den zartgrünen, von Weinlaub umrankten Maulbeerbäumen dehnten sich weithin die Felder mit den stattlichen, über 1 m hohen Mohnpflanzen aus, deren weiße und violette gefüllte Blüten sich gravitätisch im leichten Winde wiegten. Wie schimmerten die Felder silberig mit ihrem milchiggrünen Laub, wie bunt und heiter hoben sie sich von den dunklen Bäumen, die sie umrahmten, und von dem zarten Blau der fernen Berge ab. Welch zarte Abtönung der Farbe zeigten die Blütenblätter mit ihren welligen Rändern.

Abb. 22. Mohnfeld mit vielen Kapseln. Bei Valandova Ende Mai.

Ende Mai war der Mohn verblüht und jeder Stengel trug wie ein gekröntes Haupt die dicke grüne Kapsel ([Abb. 22]), welche nun von den fleißigen Bauern, die vorher an den Mohnfeldern durch Hacken und Unkrautbekämpfen schon reichlich Arbeit geleistet hatten, „geringelt‟ wurden. Das ist eine mühsame Arbeit, die sehr sorgfältig ausgeführt werden muß. Jede Kapsel bekommt einen wagerechten Ringschnitt, der nicht ganz herumgeführt wird. Meist werden mehrere Schnitte gemacht. Aus der Wunde fließt ein milchiger Saft hervor, der harzig gerinnt, meist nach einem Tage abgenommen und zu Klumpen zusammengeballt wird. Diese werden dann zu einer Art Kuchen zusammengeknetet und stellen eines der wichtigsten Landesprodukte dar. Aus ihnen werden Opium, Morphium, Morphin und all die wichtigen Arzneimittel hergestellt, die von diesen Substanzen abgeleitet sind. Es war für unsere Kriegsführung von der größten Bedeutung, daß wir ein Opiumland in der Hand hatten. So gefährlich dies Produkt der schönen Pflanze als Gift und Genußmittel ist, so segensreich hat es sich bei Hunderttausenden von Verwundeten als Mittel zur Narkose und Schmerzlinderung erwiesen. Das Rohprodukt wurde nach Deutschland geschafft und in dessen chemischen Fabriken weiterverarbeitet.

Die Fruchtkapseln, welche das Opium geliefert haben, sind noch imstande, Samen zu reifen. So sieht man denn im Juni die Felder gelb und braun werden. Schüttelt man die Kapseln, so rasselt es, als seien Schrotkörner darin. Die kleinen, schwarzen Samen werden geerntet und aus ihnen ein sehr gutes Öl gewonnen, von dem manche Flasche von unseren Soldaten zur Erleichterung der Fettnot nach Deutschland geschickt wurde. So stellt die Mohnpflanze mit ihrer doppelten Ernte ein sehr wichtiges, kostbares Landesprodukt Mazedoniens dar. In der Menge der Produktion wird Mazedonien allerdings von Kleinasien, Indien und China bei weitem übertroffen.

Nicht so wichtig, aber immerhin ein interessantes Erzeugnis der fruchtbaren Erde Mazedoniens ist die Baumwolle. Sie wird hier im Lande in einer einjährigen, krautigen Form gezogen. Im Frühjahr erinnert eine Pflanzung fast an ein Kartoffelfeld, später im Herbst, wenn die Kapseln platzen und der dicke Wattebausch aus den Spalten quillt, dann sieht sie ganz eigenartig und ungewohnt aus, allerdings nicht so schön als in den Tropen; denn im trockenen Land Mazedonien pflegt im Spätsommer alles zu verstauben.