Vor allem im Jahre 1917 gab es zwischen den Feldern noch viele brachliegende Strecken. Da blühten bunte Blumen und um sie wimmelte eine reiche Insektenwelt. Große Büsche von roten Wicken und grelle Flecken einer gelben Wolfsmilchart waren neben Brombeer- und Weißdornbüschen die häufigsten Pflanzen. Bockkäfer und schwarze Blattwespen saßen in dichten Scharen auf der Wolfsmilch. Um die Weißdornbüsche flatterten Schmetterlinge in großen Scharen, die vollkommen unseren einheimischen Formen glichen. Da herrschte, entsprechend seiner Futterpflanze, der Heckenweißling (Aporia crataegi L.) vor, von dem ganze weiße Wolken die Hecken umschwebten. Fast ebenso häufig waren die gelbe Acht (Colias croceus Foure) und der Distelfalter. Letzterer (Vanessa cardui L.) ist in dem distelreichen Lande Mazedonien geradezu der Charakterschmetterling. Überall findet man ihn, auf Feldern und Wiesen, an den Flußufern, in den Schluchten, im Gebirge. Hier in der Ebene war er massenhaft vorhanden. In großen Mengen flog auch der Grasfalter Pararge Megaera L.

Auf Brachfeldern wuchsen in üppiger Pracht Kornblumen und roter Mohn, die man hier im Lande oft schon im April blühen sieht. Mit ihnen kommen Doldenpflanzen reichlich vor. Das war der Tummelplatz vieler Blattwespen und Schlupfwespen. Bienen sammelten den Blütenstaub des Mohns oder schnitten dessen rote Blumenblätter. An den Wegen sah man sie ihre Löcher im Boden bauen. Auch andere Formen von Solitären flogen hier ([Abb. 22 b]). Über ihren Baustätten strichen in brummendem Flug Hummelfliegen aus der Familie der Bombyliden. In raschem Zickzackflug flogen braungraue Wollschweber (Bombylius fuliginosus Wd. und punctatus Fb.) um die Blüten, mit ihrem langen Rüssel in diese hineinlangend, während Trauerschweber mit düster gefärbten Flügeln über den lehmigen Pfaden hinflogen, die Bienenlöcher aufsuchend, in denen sie ihre Eier an den Bienenlarven ablegen (Anthraxarten, A. fenestrata Fabr., A. polyptermes Mg. und andere). Diese Fliegengattungen schmarotzen im Larvenzustand an Schmetterlingsraupen und vor allem an Bienenlarven. Zwischen den Büschen huschte eine wenig scheue, große, gutfliegende Heuschreckenart umher. Auf den Blüten tummelte sich ein reiches Leben von Käfern und Blattwanzen. Zwischen den Gräsern liefen langbeinige Weberknechte in großen Scharen umher. Es waren dies Zachus crista Brüll., eine große Art mit weißem Strich über dem Rücken und hell geringelten Beinen, sonst ganz schwarz, und eine kleinere hellere Form Metaphalangium propinquum (Lucas). Es freute mich, diese Tiere zu erbeuten, denn der Spinnenkenner Dr. Roewer hatte vor der Ausreise mich wissen lassen, daß keine einzige Art von Weberknechten bisher aus Mazedonien bekannt sei.

Abb. 22 b. Halropa tarsata Spm. Solitäre Biene.

Im Weißdorn und den Heckenrosen jagten die Würger nach Insekten, rotrückige (Lanius collurio collurio L.) und rotköpfige (Lanius senator senator L.) und der große Schwarzstirnwürger (Lanius minor Gm.). Grasmücken sangen im dichten Gebüsch; häufig waren mit ihnen die Nachtigallen. Ganze Schwärme von Sperlingen balgten sich mit Gold- und Grauammern herum. Hier im Süden Mazedoniens trat Ende Mai in Menge ein prachtvoller Vertreter der Ammern, die goldfarbene Kappenammer mit ihrer dunklen Sammetmütze auf (Emberiza melanocephala Scop.).

Drei Arten von Spatzen traf ich in Mazedonien an, den gemeinen Haussperling (Passer domesticus domesticus L.), der häufig große, wie Webervogelbauten aussehende Gemeinschaftsnester baute. Noch häufiger war der Feldsperling (P. montanus montanus L.), der vor allem die Dörfer bewohnte. Der Steinsperling jedoch (Petronia petronia macrorrhynchus Brehm) war viel seltener und fand sich vor allem in den großen Felsenschluchten.

Die Nachtigall im Wardartal ist Luscinia megarhynchus Br.

Grasmücken gab es eine ganze Anzahl Arten. Wir konnten in der Umgebung von Kaluckova die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla atricapilla L.), die Dorngrasmücke (S. communis communis Lath.), die Zaungrasmücke (S. carruca carucca L.) und die Bartgrasmücke (S. cantillaus albistriata Brehm) nachweisen. Von Ammern herrschten vor die Zirlammer (Emberiza cirlus L.) und die Zippammer (Emberiza cia cia L.).

Auf den Wegen, am Pferdemist, war eine muntere Tätigkeit der Pillendreher im Gange. Zwei Arten waren es hauptsächlich, die man hier oft nebeneinander fand. Die eine Form war, wie ich im nächsten Jahr feststellte, schon früh im April bei der Arbeit; das war Sisyphus Schaefferi L., der Pillenwälzer, von dem oft Hunderte sich an einem Kuhfladen zu schaffen machten. Erst viel später im Jahre kam der große heilige Pillendreher (Ateuchus sacer L.) und mit ihm Scarabaeus piles Illig, dieses Charaktertier der Mittelmeerländer aus seinem Erdloch hervor. Überall waren sie in Mengen auf den sandigen Straßen, auf denen die Herden der Pferde ihren Kot hatten fallen lassen. Da sah man viele der glänzend schwarzen Käfer ihre großen Pillen aus Pferdekot die Straße entlang seitwärts auf die Wiese rollen und da in ein nicht sehr tiefes Erdloch hineinschaffen.

In der heißen Mittagssonne war ein lebhaftes Treiben um die Kothaufen am Wege. Die kleinen Sisyphus ließen sich leicht vertreiben, flogen dann auf und schwirrten mit Gesumme ab, um bald wiederzukehren und den ganzen Kothaufen wieder mit ihren Leibern zu bedecken. Die großen Pillendreher waren schwerer in Bewegung zu bringen. Aber auch sie kamen oft brummend und summend weither angeflogen, setzten sich an einem Kothaufen nieder und fingen bald an, mit Kopfschild und Vorderbeinen den Kot zusammenzuschaufeln. Sie schafften ihn unter ihren Körper, ballten ihn zusammen und rundeten ihn unter steter Arbeit der zwei hinteren Beinpaare zu einer immer glatter werdenden Kugel ab. Diese rollten sie dann in emsiger Arbeit über den Weg, am liebsten an den Hang des Hügels zwischen die Wiesenpflanzen. Dort gruben sie Löcher in die Erde, in welche sie ihre Kugel schafften, um unter dem Boden in schützender Höhle mit aller Ruhe ihre Beute zu verzehren. Verdient war diese Ruhe wohl, denn welche Arbeit hatten die seltsamen Tiere beim Heranrollen ihrer Mistkugel geleistet, die ihnen oft den Hügel wieder heruntergerollt war, um dort in die Hände eines Mitbewerbers zu fallen, wenn es einem solchen nicht vorher schon gelungen war, sie ihm in scheinbar gemeinsamer Wälzarbeit zu entwenden. Die Bereitung der eigenartigen Brutnahrungsbirne aus Kot, welche der französische Entomologe Fabre beschrieben hat, in deren Nische der Käfer sein Ei ablegt, konnte ich nie beobachten; allerdings hielten mich davon die vielen anderen Tiere mit ihren Problemen ab, die ich studieren wollte.